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Kultur, Dies & Das, Gesellschaft & Leute

Zwei Jubiläen, zehn Stimmen: Teil vier – Kanton Glarus

Dieses Jahr sind im Kanton Glarus zwei grosse Jubiläen zu feiern. Vor zehn Jahren entstanden die heutigen drei Gemeinden – die Fusion wurde als «Kraftakt der Glarner» bezeichnet und war schweizweit einzigartig. Fast weltweit einzigartig war die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz vor 50 Jahren – einzigartig spät.

Die drei Glarner Gemeinden feiern ihr Zehnjähriges bewusst dezent und rufen zum Innehalten auf den Jubiläumsbänkli auf. In Glarus Nord steht bereits in jedem Dorf eines. In der Gemeinde Glarus hat Netstal das erste bekommen und in Glarus Süd folgen dieses Jahr drei Bänkli.

Die Frauenzentrale des Kantons Glarus feiert das Fünfzigjährige zum Frauenstimmrecht dieses Jahr mit verschiedenen Aktionen und Elementen. Der Verein existiert seit 1957, feiert also im kommenden Jahr sein 65-jähriges Bestehen und steht heute im Kulturblog stellvertretend für die ausgeprägte Vereinskultur im Glarnerland. Damit ist reichlich ehrenamtliches Enagement und Herzblut vieler Glarner:innen verbunden.

So feiert der Kanton Glarus zehn Jahre Gemeindefusion

Am 1. Januar 2021 erinnerten sich die Glarner Regierungsräte im Newsroom zurück, wie sie den epochalen Entscheid mit schweizweitem Widerhall persönlich miterlebt hatten. Klassische Jubiläumsfeiern sind während einer Pandemie schwierig umsetzbar. Der Kanton Glarus lancierte deshalb mit «Wir sind Landsgemeinde» eine Artikelserie zu bemerkenswerten Landsgemeindeentscheiden. Es geht um Hochpolitisches wie das Frauenstimmrecht, das Proporzwahlverfahren oder das Stimmrechtalter, aber auch um manche Diskussionen, die heute schmunzeln lassen: Wer darf an der Landsgemeinde den (musikalischen) Takt angeben? Wie soll die Maikäferplage eingedämmt werden? Wie viele Feiertage gönnt man sich? 



Nicht im Netz, dafür im Gelände, setzt das Kantonsmarketing auf ein 16 Quadratmeter grosses Glarnertuch. Dazu Projektleiter Roland Wermelinger: «Das Glarnertüechli ist das Souvenir aus dem Glarnerland schlechthin. Zum Jubiläum haben wir es vom Tüechli zum Tuch gemacht: Es misst vier mal vier Meter und ist vielseitig nutzbar.» Das Mega-Glarnertuch wird von den Gemeinden und dem Kanton Glarus bei geeigneten Anlässen eingesetzt. 

So feiert die Frauenzentrale 50 Jahre Frauenstimmrecht


Die Anliegen der Frauenzentrale sind die Vernetzung von Frauen, die Vertretung von Fraueninteressen gegenüber Organisationen, Behörden und der Öffentlichkeit sowie die Beteiligung an Vernehmlassungsverfahren. Auch die Durchführung von Projekten und die Wahrnehmung öffentlicher Aufträge im Interesse von Frauen gehören zum Aufgabenkatalog. Warum von Ruhestand bei der Frauenzentrale keine Spur ist, weiss die Präsidentin.

Britta Scheunemann (1966), Glarus
Lehrerin für Französisch und Spanisch
an der Kantonsschule Glarus
Präsidentin Frauenzentrale des Kantons Glarus




Welchen kulturellen Beitrag leistet die Frauenzentrale im Kanton Glarus und wie kann man sich beteiligen?

Konkret hat die Frauenzentrale in diesem Jahr die Aktivitäten rund um das Frauenstimmrechtsjubiläums durchgeführt: Das Logo mit der Glarner Grafikerin Esther Angst entwickelt und an die Öffentlichkeit getragen sowie diverse Events organisiert. Dazu gehörten die 50 Gongschläge zum Jubiläumsauftakt, Stadtrundgänge unter dem Motto «Starke Glarnerinnen», Stände auf dem Marktplatz und in der Markthalle. Zwei Kutschen fuhren zum speziellen Glarner Jubiläum durch den Kanton – gefühlt im langsamen Tempo, in dem auch die Gleichstellung voranschreitet. Und im August gab es ein Frauenfest.

Dazu kamen Give-Aways wie die Fridolinataschen und die Fridolinaschoggi. Zum Bleibenden gehören die Frauenstele, die im September im Volksgarten aufgestellt wurde, die Fridolinastatue, die zur Zeit in der Landesbibliothek steht, die Ausstellungswand, die im Glarner Landsgemeindemuseum zu Diskussionen anregt, und der Fridolinasong der Glarner Künstlerin Lanik.



Jedes Jahr finden eigene Aktivitäten der Frauenzentrale statt – wie die gut besuchten interkulturellen Kochkurse, Kräuterspaziergänge oder der Stadtrundgang sowie Vorträge aus einem breiten Themenfeld. Die Anregungen dazu kommen aus dem Vorstand, oft auch von aussen. Wir versuchen immer abzuschätzen, was unsere rund 240 Mitglieder und natürlich auch Nicht-Mitglieder interessieren könnte.

Zudem bieten wir Beratungen zum Thema Trennung und Scheidung an. In den letzten zwei Jahren erhalten wir zunehmend Anrufe aus dem Bereich der häuslichen Gewalt. Unsere Beraterin geniesst einen ausgezeichneten Ruf und engagiert sich enorm. Das scheint sich herumzusprechen. Viele Frauen gelangen explizit an uns, weil sie sich uns als unabhängige Stelle eher anvertrauen als den Behörden. Das ist sehr kräftezehrend, und wir sind in diesem Bereich finanziell defizitär unterwegs. Spenden und Mitgliedschaften sind da sehr hilfreich.

Beteiligen kann sich jede Frau – wir haben auch einen Mann unter den Mitgliedern – als einfaches Mitglied, das sich mit den kantonalen Fraueninteressen solidarisch erklärt, oder als Referentin zu einem Thema oder auch im Vorstand. Wir sind als eine der wenigen Schweizer Frauenzentralen immer noch als Verein organisiert und arbeiten alle ehrenamtlich. Dadurch geraten wir auch an unsere Grenzen und freuen uns über jede Frau, die sich bei uns engagieren möchte – in einem bestimmten Ressort oder ganz allgemein. Andere Frauenzentralen sind bereits in einer Fachstelle aufgegangen, die auch im Kanton Glarus dringend nötig wäre. Über unsere Website oder auf Instagram kann man mit dem Vorstand der Frauenzentrale des Kantons Glarus Kontakt aufnehmen.


Was hat sich für die Glarner Frauen in den letzten fünfzig bzw. zehn Jahren verändert und was gilt es in den nächsten zehn Jahren noch zu verbessern? 

Ich fühle mich nicht so ganz berufen, über die letzten 50 Jahre zu sprechen. Ich kann aber mit Sicherheit sagen, dass die Einführung des Frauenstimmrechts 1971, die Verankerung der Gleichstellung in der Bundesverfassung 1981 und das Inkrafttreten des Gleichstellungsgesetzes 1996 auch für die Glarnerinnen Meilensteine waren. Rückblickend auf die letzten zehn Jahre im Kanton denke ich, dass sich mit den Tagesstrukturen vor allem für berufstätige Mütter einiges getan hat, aber auch das ist nur ein Anfang.

Es hat sich sicherlich auch einiges in den Köpfen geändert. Als ich 2003 begann zu arbeiten – wohlgemerkt in Teilzeit – und meinen Sohn in der Krippe betreuen liess, wurde mein Mann noch gefragt, ob er so wenig verdiene, dass seine Frau arbeiten müsse. Bei ihm, in einem klassischen Männerberuf, war ein Teilzeitpensum fast undenkbar. Wenn ich heute meine jungen Kollegen sehe, die ganz selbstverständlich ihr Pensum reduzieren, um sich um ihre Kinder zu kümmern und ihre Frauen zu unterstützen, dann sind wir da schon einen ganzen Schritt weiter, wenn auch noch nicht weit genug.



Was sich leider immer noch nicht geändert hat, ist die Sichtbarkeit von Frauen in der Politik. Das funktioniert auf nationaler Ebene halbwegs, aber auf kantonaler und kommunaler Ebene ist es, gelinde gesagt, ein Trauerspiel. Frauen machen über 50 Prozent der Bevölkerung aus und sollten deshalb genauso in der Politik vertreten sein. Wir müssen aber auch die Strukturen schaffen, in denen Frauen partizipieren können und wollen. Familie und Beruf sollten ebenso vereinbar sein wie Familie und Politik. Es kann nicht sein, dass Familie und Politik gegeneinander ausgespielt werden, und dass Frauen sich diese Position auch noch zu eigen machen. Oder wird etwa ein Mann gefragt, wie er sein politisches Amt und die Familie miteinander vereinbaren will? Ziel für die nächsten Jahre muss es also sein, die Hälfte des Landrats weiblich zu machen und die Hälfte aller politischen Ämter mit Frauen zu besetzen.

Dazu braucht es die Einsicht, dass Gleichstellung der Geschlechter eine öffentliche Aufgabe ist. Wir benötigen Genderkompetenzen auf allen Ebenen und die Lohngleichheit muss auch bei privaten Arbeitgebern Priorität erfahren. Dazu gehört aber auch, dass der Kanton die Arbeitsbedingungen in der weiblich dominierten Care-Arbeit verbessert und mehr Anstrengungen für die Verbesserung der materiellen Sicherheit von Frauen im Alter unternimmt. Und schliesslich braucht es vertrauenswürdige Strukturen in Hinblick auf den Schutz vor geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Gewalt. Das sind auch in weiten Teilen die Schwerpunkte im Aktionsplan zur Gleichstellung der Geschlechter, der am Frauenstreik 2019 eingefordert wurde.

Und es wäre schon sehr viel gewonnen, wenn es endlich eine entsprechende Fachstelle gäbe, die sich der Sache professionell und strukturiert annehmen würde. Weder die Gleichstellungskommission, deren Mitglied ich fünf Jahre lang war, noch die Frauenzentrale als ehrenamtlich arbeitender Verein können das erbringen.



Welche Erinnerungen bleiben zum Fünfzigjährigen des Frauenstimmrechts in Glarus – was wäre das Pendant zum Jubiläumsbänkli und wo sollte es stehen?

Es bleiben sehr viele Momente von Solidarität und Frauenpower, die mir immer wieder gezeigt haben, was wir alles stemmen können entgegen aller Widrigkeiten. Es bleibt natürlich die Frauenstele im Volksgarten, die den unbekannten Glarner Pionierinnen ein würdiges Denkmal setzt, die Fridolina als Logo und nicht zuletzt die Fridolinastatue. Wobei Letztere leider demnächst vermutlich obdachlos werden wird, da sie eigentlich nur befristet in der Landesbibliothek ausgestellt ist.

Der Wunsch vieler Frauen ist aber Fridolinas Verbleib im öffentlichen Raum – um an die Wichtigkeit dieses Jubiläums zu erinnern und als Mahnung, nicht nachzulassen in den Bemühungen um die Gleichstellung. Insofern sind das Rathaus oder die Landesbibliothek unsere Wunschplätze. Von offizieller Stelle her war man(n) davon bislang nicht sehr angetan. Daher brauchen wir jetzt dringend eine Lösung, damit die Fridolina nicht wieder einfach verschwindet und dadurch das Schicksal vieler Frauen erleidet.




Autor:innen
Britta Scheunemann, Präsidentin Frauenzentrale des Kantons Glarus & Werner Kälin, Kulturblogger der Glarner Agenda

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Gesellschaft
  • Kultur
  • Glarus

Publiziert am

14.11.2021

Webcode

www.glarneragenda.ch/t8QwLX