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Dies & Das, Gesellschaft & Leute

Zwei Jubiläen, zehn Stimmen: Teil eins – Glarus Nord

Dieses Jahr feiern die Glarner Gemeinden ihr zehnjähriges Bestehen. 2021 sind auch 50 Jahre seit der Einführung des Frauenstimmrechts vergangen. Hätte 1921 die Landsgemeinde einen Antrag nicht wuchtig abgelehnt, wäre Glarus in Sachen Gleichberechtigung ein Pionierkanton gewesen und könnte 2021 das Hundertjährige des politischen Mitbestimmungsrechts seiner Frauen feiern.

Hätte die Grossmutter Räder, wäre sie eine «Schese»: Diese Redewendung habe ich im Glarnerland kennengelernt. Ebenso, dass Frauen «es» genannt werden. Von beidem weiss ich bis heute nicht so richtig, was ich davon halten soll. Was ich weiss: Wäre die Gemeindefusion an der Landsgemeinde gescheitert, hätten die 29 Glarner Dörfer dieses Jahr kein Jubiläumsbänkli erhalten. Und ich hätte keine Gelegenheit gehabt, zehn Frauen um ihre Stimme zum Zehnjährigen der Glarner Gemeindefusion zu bitten.

Den Auftakt der zehn Stimmen machen drei Frauen aus Glarus Nord – eine jugendliche, eine zugezogene und eine heimgekehrte. Zuerst aber dazu, wie die Gemeinde Glarus Nord ihr zehnjähriges Bestehen feiert.

So feiert Glarus Nord

Das Jubiläumsbänkli-Modell ist in Glarus Nord bereits bekannt. Es kommt auch in der Denkwerkstatt zum Einsatz, dem Seminarangebot von Glarusnord-Tourismus. «Für die Jubiläumsbänkli hat jede Dorfkommission einen Standort definiert», weiss Gemeindepräsident Thomas Kistler und erklärt: «Ein Bänkli ist eine Einladung, sich eine Pause zu gönnen und die Umgebung auf sich wirken zu lassen. Sitzgelegenheiten gehören zum Freiraum und verdeutlichen die wertvollen Plätze direkt vor der Haustüre.» Zudem betont Glarus Nord mit Avoi den sozialen Aspekt. Dieser passt zum Label «Fair Trade Town», das Glarus Nord 2016 als erste Schweizer Gemeinde erhalten hat. Nebst den Bänkli hat Glarus Nord im Rahmen des Jubiläums eine Familienfeuerstelle in Bilten eingeweiht und ein Menü kreieren lassen. Zudem stellt die Gemeinde der Bevölkerung Fahnen bereit. 


Lisa Sulzer (2001)
lernende Grafikerin aus Mollis


Was gefällt Dir besonders an Glarus Nord – ganz allgemein und speziell kulturell?

Kulturell hat die Gemeinde Glarus Nord meiner Meinung nach besonders für junge Leute nicht viel zu bieten. Die jährliche Glarner Messe ist sicher eines der Highlights, und der Freulerpalast ist immer wieder spannend zu besuchen. Im Kino Näfels sieht man die Filme auch als kleiner Besucher, da es so wenig Publikum hat. «Annas Carnifex» – das Anna-Göldi-Theater 2010 – war ein tolles Erlebnis. Theater auf den Strassen sollte es öfters geben.



Was würdest Du in den nächsten zehn Jahren in Glarus Nord ändern, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?

Ich würde ein gemütliches und faires Café eröffnen mit Sitzmöglichkeiten draussen, ohne dass die Gäste den ständigen Strassenlärm um sich haben. Zum Beispiel könnte es neben einem neuen, zentralen Park stehen, einem Erholungsort für Jung bis Alt. Das ÖV-Netz würde ausgebaut und die Strassen würden velofreundlicher. Apropos Strassen: Die Stichstrasse Näfels-Mollis würde abgerissen und kleinere Quartiere würden autofrei.

Welches ist Dein Lieblingsort in Glarus Nord – wo würde also Dein persönliches Jubiläumsbänkli stehen?

Da ich in Mollis wohne, spaziere ich oft mit Hund oder Pferd den Fachtweg entlang Richtung Mullern/Fronalp. Mit den verschiedenen Abzweigungen könnte man sich endlos herumtreiben und neue kleine Wege entdecken. Da es oft wenige andere Spaziergänger:innen hat, lässt sich dort ungestört die Natur geniessen. Ein Blick aus dem Wald heraus eröffnet eine schöne Aussicht auf Mollis und Teile von Näfels. Mein Jubiläumsbänkli würde also am Waldrand stehen.


Eveline Gattella (1966)

Naturheilpraktikerin & Sachbearbeiterin Rechnungswesen aus Filzbach

Was gefällt Dir besonders an Glarus Nord – ganz allgemein und speziell kulturell?

Filzbach ist klein, aber fein. Hier hat es alles, was ich brauche – die Sesselbahn zum Habergschwänd mit der schönen Aussicht auf den Mürtschenstock und den Walensee, ein Dörflädeli, Restaurants, die Kulturbühne Lihn sowie viele nette Nachbarn. Zudem geniesse ich das supergute Sportangebot. Das geht vom Hallenbad über den Kraftraum und die Finnenbahn bis hin zum Tennisplatz. Oft bin ich auf dem wunderschönen Römerweg ins Nachbardorf Obstalden unterwegs.



Was würdest Du in den nächsten zehn Jahren in Glarus Nord ändern, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?

Zuerst würde ich die Laubbläser zum Heuen durch Menschen ersetzen, die den Bauern bei der harten Arbeit helfen. Dann würde ich das Glockengeläute im alten Schulhaus mit einer wohlklingenderen Variante ersetzen ­– etwas Verspielteres, wie man es oft im Tessin hört, oder das Glockengeläut vom Big Ben würden mir gefallen. Auch eine Aufwertung und Verschönerung des Dorfplatzes wäre für Filzbach bereichernd. Dann würde ich im ganzen Kanton die Umstellung auf Bioproduktion sowie den Bau von Photovoltaik-Anlagen fördern. Sonst aber würde ich in Filzbach alles lassen, wie es ist. Mir gefällt es sehr gut hier.

Welches ist Dein Lieblingsort in Glarus Nord – wo würde also Dein persönliches Jubiläumsbänkli stehen?

Hier auf dem Kerenzerberg gibt es viele schöne Ecken. Einer meiner Favoriten ist die Aussicht vom Römerweg auf den Walensee Richtung Walenstadt mit Blick auf den Sichelkamm und die Alvierketten. Mein persönliches Jubiläumsbänkli würde ich auf einer Weide mitten in einer Ziegenherde aufstellen.


Caroline Lüscher-Müller (1980)
Landschaftsarchitektin aus Näfels


Was gefällt Dir besonders an Glarus Nord – ganz allgemein und speziell kulturell?

In Glarus Nord sind wir überall schnell in den Bergen oder an einem Gewässer. Das schätze ich sehr – vor allem, dass man auf Wanderungen manchmal ganz alleine unterwegs ist. Das kulturelle Angebot muss ein wenig gesucht werden. Zum Beispiel der Freulerpalast Näfels bietet Spannendes. Mit Blick über die Gemeindegrenze hinaus, interessiert mich das Anna-Göldi-Museum besonders.



Was würdest Du in den nächsten zehn Jahren in Glarus Nord ändern, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?

Als Landschaftsarchitektin konzentriere ich mich ständig auf Landschafts- und Siedlungsräume. Wie sich diese in Glarus Nord verändern, macht mich traurig. Überdimensionierte Siedlungen und der endlose Strassenausbau gefährden die letzten wertvollen Plätze und Naherholungsgebiete. Unsere Dörfer werden für Autos umgebaut, statt für Menschen gestaltet. Diesen Prozess würde ich umkehren und die Menschen vom Komfort nachhaltiger Mobilitätsformen überzeugen.

Welches ist Dein Lieblingsort in Glarus Nord – wo würde also Dein persönliches Jubiläumsbänkli stehen?

Im Wald im Oberseegebiet oder in den wunderbar artenreichen Blumenwiesen in Ahornen bin ich rundum glücklich. Mein Jubiläumsbänkli würde zuerst beim Tankgraben im Niederberg stehen, bevor dieses idyllische Naherholungsgebiet – als letztes seiner Art in Glarus Nord – der Umfahrungsstrasse zum Opfer fällt. Danach könnte es bei der «Beuge» stehen – ein hervorragendes Beispiel für eine sorgfältige Restaurierung historischer Bausubstanz.


Zehnte Stimme für den Kanton gesucht: Nächste Woche geht es an gleicher Stelle weiter mit drei Frauenstimmen aus der Gemeinde Glarus und später mit Glarus Süd. Drei Gemeinden, drei Stimmen: Das ergibt erst neun. Weil es um das Zehnjährige der Gemeindefusion geht, fehlt also noch eine zehnte Stimme, die sich zum Kanton äussert. Schliesslich hiess es auch beim Projekt GL2011: drei starke Gemeinden, ein wettbewerbsfähiger Kanton. Die Frau, die ihre Stimme dafür geben möchte, kann sich bei mir melden.


Autor: Werner Kälin

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Gesellschaft
  • Weitere Regional

Publiziert am

24.10.2021

Webcode

www.glarneragenda.ch/g1bkS4