Die grosse Fastenzeit dauert von Aschermittwoch bis Karfreitag | Bild: Pixabay
Die grosse Fastenzeit dauert von Aschermittwoch bis Karfreitag | Bild: Pixabay
Weniger ist mehr beim Klimaschutz | Bild: Unsplash
Weniger ist mehr beim Klimaschutz | Bild: Unsplash
Nahrungsfasten – der Klassiker | Bild: Unsplash
Nahrungsfasten – der Klassiker | Bild: Unsplash
Beispiel Autofasten – Verhaltensänderung ausprobieren | Bild: Pixabay
Beispiel Autofasten – Verhaltensänderung ausprobieren | Bild: Pixabay

Kultur, Regionale News

Fasten im Zeichen der Zeit

Am Aschermittwoch beginnt die christliche Fastenzeit als Vorbereitung auf Ostern. Früher war das eine strenge Zeit im Zeichen von Verzicht und Enthaltsamkeit. Nun ruft ein junger Glarner Verein zur Pflege dieser alten Tradition auf.

Teil 1 der Kulturblog-Serie zur Fastenzeit 2022 von Werner Kälin, Kulturblogger

Genau zwei Wochen ist es her, seit die meisten Coronamassnahmen aufgehoben wurden. Viele Menschen fühlen sich befreit, treffen sich wieder in Restaurants, Bars und an Veranstaltungen. Sie fahren wieder von A nach B und zurück, steigern ihren Konsum und schmieden ihre Ferienpläne. Jetzt soll wieder verzichtet und Enthaltsamkeit geübt werden – im Ernst? Ja.

Christlicher Ursprung

Im Christentum sind vor allem die 40 Tage zwischen Aschermittwoch und Karfreitag als Fastenzeit bekannt. Der Advent ist als kleine Fastenzeit kaum mehr präsent. Die heute beginnende grosse Fastenzeit, auch Passionszeit genannt, erinnert an die 40 Tage, die Jesus in der Wüste verbrachte. Früher wurde wöchentlich am Mittwoch – dem Tag, an dem Jesus verraten wurde – und am Freitag – dem Tag, an dem Jesus gekreuzigt wurde – gefastet. Für gläubige Christen ist die Fastenzeit Anlass zu Gebet und Busse, Reinigung und Vorbereitung auf Ostern.



Fasten ist Bestandteil aller Religionen. Alle grossen Religionsstifter machten eine Phase des Verzichts durch. Auch Mohammed und Moses fasteten. Buddha wählte den Weg der Mitte: Weder Völlerei noch Hunger sind demnach empfehlenswert. Im Judentum ist Jom Kippur der grosse Versöhnungs- und Fastentag.

Verzehr mit Verstand

Früher waren die ersten Monate des Jahres streng und karg. Die Vorräte für Mensch und Tier waren bald aufgebraucht und mussten mit Verstand verzehrt oder eben kontingentiert werden. Im Mittelalter waren Fleisch und tierische Produkte wie Eier, Butter, Rahm, Milch oder Käse während der Fastenzeit verboten. Heute geht es beim Fasten um das bewusste Erleben dieser Zeit durch freiwilligen Verzicht auf gewisse Nahrungsmittel oder auf Ablenkungen vom Wesentlichen.

Fette Tage vor der Fastenzeit

Die Fastenzeit ist auch Namensgeber und zeitlicher Ursprung der Fas(t)nacht. Ab dem 13. Jahrhundert gab es vor der Fastenzeit grosse öffentliche Gelage, um verderbliche Nahrungsmittel aufzubrauchen. Aus dieser Resten-Verwertung entstanden die in Schmalz gebackenen Fas(t)nachtspezialtäten. Auf diese «fetten Tage» folgte die Fastenzeit.



Sehen und handeln


Fasten steht immer auch im Zeichen seiner Zeit. Die Kampagne Sehen und handeln von HEKS und Fastenaktion setzt in einem Zyklus von vier Jahren auf das Thema Klimagerechtigkeit. Dieses Jahr geht es um die Art, wie die Menschen im globalen Norden auf Kosten anderer leben. Gemeinsam mit Partnern im Süden stehen Projekte für lokal produzierte erneuerbare Energien im Zentrum. Die Kampagne appelliert an die Solidarität mit den Menschen im globalen Süden, die – weit weg von uns, aber aufgrund unseres überproportionalen Energieverbrauchs – bereits heute unter dem Klimawandel leiden.

Klimafasten

Auch der junge Glarner Verein KlimaGlarus.ch stellt die alte Fastentradition in den Zeitgeist. Klimagerechtigkeit steht von ihrem Anfang an im Zentrum der Forderungen der globalen Klimabewegung. Dazu Co-Präsidentin Lisa Hämmerli von KlimaGlarus.ch: «Wir setzen während der kommenden 40 Tage primär auf Information und Tipps rund um Klimawandel und Suffizienz – also auf das Bewusstsein für die begrenzten natürlichen Ressourcen.»



Persönliches Erleben

Fasten bietet für die Menschen die Möglichkeit einer Zäsur in den persönlichen Gewohnheiten. Wer zum Beispiel klassisch fastet und auf Fleisch verzichtet, beschäftigt sich mit alternativen Nahrungsmitteln und Menüs. Sie oder er spürt, wie der Köper auf die Umstellung reagiert und beginnt sich daran zu gewöhnen, anders zu essen. Fasten ist eine Auszeit für Körper und Geist, ein persönliches Erlebnis und im geübtesten Fall eine Reduktion auf das Wesentliche. Aus dem Fasten entwickelt sich idealerweise ein nachhaltig verändertes Verhalten, das sich auch auf andere Lebensbereiche positiv auswirkt – zum Beispiel auf die Gesundheit und die Umwelt.

Glauben an die Zukunft

Während «Sehen und handeln» die Bewahrung der Schöpfung und die Klimagerechtigkeit mit dem globalen Süden thematisiert, setzt sich KlimaGlarus.ch für eine lebenswerte Zukunft kommender Generationen im Kanton Glarus ein. Weit voneinander entfernt sind diese Anliegen nicht – sie entspringen der gleichen Haltung. Der Verein will Glarus zum ersten klimaneutralen Kanton der Schweiz machen. Das heisst, dass unter dem Strich keine Treibhausgase mehr produziert werden. Das bekannteste Treibhausgas ist CO₂. Es wird bei der Verbrennung von Treib- und Brennstoffen freigesetzt und macht rund 80 Prozent der gesmaten Treibhausgasemissionen aus. 


Grafik: KlimaGlarus.ch 


Inspirieren und ausprobieren

Beim CO2 und seinen Quellen setzen auch die folgenden Tipps an. Beim Klimfasten verschiebt sich das Bewusstsein auf die Ursache des menschgemachten Klimawandels. Schlussendlich führt das zu einer neuen Haltung, die es für gesamtgesellschaftliche Veränderungen braucht. Das ist allein deshalb wichtig, damit Einzelne nicht alleine bleiben mit ihrem klimafreundlichen Verhalten. Wie zum Beispiel beim Fleischfasten die Lust auf ausschliesslich regionale Bio-Fleischprodukte das Angebot in der Theke verändert, führt der Verzicht auf das Auto auf kurzen Strecken zu einer Verbesserung der Lebensqualität in den Dörfern.

Klimafasten-Tipps «Wärme und Energie»: Heizen Sie zu Hause nur die Räume, in denen Sie sich aufhalten. Stellen Sie Ihre Heizung drei Grad tiefer ein und ziehen Sie einen warmen Secondhand-Pullover und selbstgestrickte Wollsocken an. Waschen Sie Ihre Hände mit kaltem Wasser und seifen Sie sie ohne laufendes Wasser ein. Wasser sparen lässt sich auch mit einer Neuanschaffung, zum Beispiel mit einer Spar-Duschbrause. Nehmen Sie Ihre Geräte ganz vom Stromnetz, wenn Sie nicht benutzt werden – und lassen sie das Licht aus, wo Sie es nicht brauchen.

Klimafasten-Tipps «Verkehr und Mobilität»: Lassen Sie Ihr Auto einen ganzen Tag pro Woche unbenutzt. Fahren Sie mit Ihren Kollegen gemeinsam zur Arbeit und mit dem Velo ins Training. Füllen Sie Ihr Auto mit Freunden, wenn Sie damit in der Freizeit unterwegs sind. Damit schlagen Sie gleich mehrere Fliegen auf einen Streich. Gehen Sie zu Fuss im Dorf einkaufen und beginnen Sie Ihren Spaziergang vor der Haustüre. So lernen Sie Ihr unmittelbares Wohnumfeld von Neuem schätzen. Üben Sie ÖV fahren mit Freunden, die ein Abonnement haben – die haben  meistens noch irgendwo einen Mitfahr-Gutschein herumliegen.




Klimafasten-Tipps «Abfall und Foodwaste»: 
Kaufen Sie lokale und unverpackte Lebensmittel ein. Werden Sie kreativ: Kochen Sie eine Suppe oder backen Sie eine Wähe aus Ihren Resten. Benutzen Sie nur noch halb so viel WC-Papier und sammeln Sie Ihren Plastikabfall separat. Hängen Sie Ihre Kleider über Nacht zum Auslüften nach draussen, anstatt sie schon nach einem Tag in den Wäschekorb zu werfen. Holen Sie Ihre Mehrwegtrinkflasche aus dem Schrank und machen Sie sie zur täglichen Begleiterin. Raucherinnen und Raucher können sich etwas Neues zulegen: Mit dem Taschenbecher als Sackbefehl landet kein Stummel mehr auf dem Boden oder im Gully.

Klimafasten-Tipps «Industrie und Dienstleistung»: Kaufen Sie weniger Produkte mit Bestandteilen, die von weit herkommen. Leider gehören Kaffee und Schokolade dazu. Motivieren Sie Ihren Arbeitgeber, noch klimafreundlicher zu produzieren. Fragen Sie Ihren lokalen Handwerker, wie er es mit der Klimafreundlichkeit hat. Viele tun vermutlich mehr, als man weiss – das lässt sich weitererzählen. Helfen Sie beim Energiesparen am Arbeitsplatz. Googeln Sie zum Beispiel weniger – 20 Suchanfragen verbrauchen soviel Energie (0,3 Wattstunden) wie eine Energiesparlampe in einer Stunde. Setzen Sie auch am Arbeitsplatz um, was Sie zu Hause für das Klima tun.

 

Weitere Artikel der Kulturblog-Serie zur Fastenzeit 2022 unter #klimafasten im Suchfeld der Glarner Agenda

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Brauchtum / Feste
  • Kultur
  • Ostschweiz

Publiziert am

01.03.2022

Webcode

www.glarneragenda.ch/JsQyR2