Bild: Markus Schnyder
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Kultur, Regionale News

Das Glarnerland brennt für Fridolin

Heute ist Fridolinstag: Bis 1973 war das ein Feiertag – nach der Reformation allerdings nur noch für katholisch Gläubige. Die Landsgemeinde tauschte ihn deshalb vor 49 Jahren mit Allerheiligen ab, der seinerseits auch eine eher katholische Angelegenheit ist.

von Werner Kälin, Kulturblogger

Fridolin soll zur Zeit der Christianisierung des Alpenraums im Tal der Linth viel Gutes getan und Wunder gewirkt haben. Es wird zwar gemunkelt, dass Fridolin gar nie im Glarnerland gewesen sei. Nichtsdestotrotz ist er ein Tausendsassa im Bergkanton. 

Das Glarner Kantonswappen zeigt mit dem heiigen Fridolin als einziges der Schweiz eine menschliche Gestalt. Das passt durchaus zu den zahlreichen kulturellen Einzigartigkeiten des Glarnerlands. 

Der Legende nach war Glarus als Erbe an das Kloster Säckigen übergegangen. Dessen Gründer war Fridolin. Das Land gehörte zuvor zwei Brüdern – der eine, Ursus, schenkte seinen Teil zu Lebzeiten an das Kloster. Nach dessen Tod bestritt der andere, Landolt, die Schenkung und ging vor Gericht. Das erweckte Ursus aus seinem Grab so sehr, dass Landolt erschrak und sein Land ebenfalls an das Kloster abtrat.

Irgendwie eine recht gruselige Zombiegeschichte – umso lebendiger ist der Myhtos Fridolin im Glarnerland. Einer, der ihn hegt und pflegt, ist Fridolin Hauser: Beim Fridlibund stehen Aktivitäten für Personen mit den Namen Fridolin, Fritz, Frigg, Fridli, Fridi und weiteren Namensableitungen von Fridolin im Zentrum. Obwohl alte Namen verschwinden, wird noch heute im Schnitt jährlich ein Glarner Bub neu Fridolin genannt.

Alles andere als rar sind die «Fridlisfüür». Sie brennen heute Abend fast in jedem Glarner Dorf. In Netstal in der Gemeinde Glarus ist der Chlausverein verantwortlich für die Organisation des Feuers auf dem Schlatt. Kassier Markus Schnyder weiss mehr darüber, wie eine Figur aus dem Dezember zu einem Brauch im März kommt.

3 Fragen an Markus Schnyder



Wie kommt der «Chlausverein» dazu, das «Fridlisfüür» zu organisieren?

«Ursprünglich waren wir lediglich die 'Chläuse" beziehungsweise 'Schmutzlis' am Netstaler Chlausumzug. Als nach der Gemeindefusion die ehemalige Netstaler FDP das 'Fridlisfüür' nicht mehr organisierte, sahen wir uns in der Pflicht, dieses weiterleben zu lassen und entschlossen uns kurzerhand, dies zu übernehmen – und das taten wir auch und machen es mittlerweile mit sehr viel Freude. Offensichtlich ist es ein grosses Bedürfnis der Bevölkerung: Die Zuschauerzahl steigt kontinuierlich.»

Was gehört zu einem perfekten «Fridlisfüür»?

«Natürlich: ein grosses Feuer! Der Rest ist Nebensache, aber auch wichtig: Eine feine Wurst des Netstaler-Metzgermeisters Matthias Schnyder, ein Bier, Kaffi-Lutz oder Punsch und ganz viele Menschen, die die Freude an diesem Anlass mit uns teilen möchten. Übrigens: Nach dem Tabakwerbeverbot vermutlich nicht mehr angezeigt, aber traditionellerweise gehört auch etwas 'ds Rauchä' dazu.»



Welche Bedeutung hat für Sie der Fridolinstag?

«Für mich persönlich ist es ein Stück gelebte Glarner Kultur, welche aktuell mehr denn je wichtig ist, um sich mit dem Wohnort, der Heimat und der Bevölkerung zu identifizieren und in der Gemeinschaft zu wachsen. Ich lese ab und zu die Sage 'Fridlislaui' im Glarner Heimatbuch, die mich immer wieder fasziniert.»

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes «Fridlisfüür»?

«Meine ersten Erinnerungen sind – passenderweise – etwas vernebelt, da diese einerseits schon deutlich mehr als 20 Jahre zurückliegen und vom Rauchen der 'Niälen' geprägt waren. Der Geschmack war scheusslich. Die Zunge und Augen brannten. Aber: Wir fühlten uns unheimlich erwachsen, da wir inoffiziell die Erlaubnis dazu hatten und es doch irgendwie heimlich taten. Es sind insofern doch sehr schöne Erinnerungen, die ich keinesfalls missen und mit der Organisation des 'Fridlisfüürs' auch weitergeben möchte.»

Chlausverein Netstal

Gründung: zirka 2010 («ohne Gewähr»)
Anzahl Mitglieder: elf («Wir sind ein exklusiver Kreis.»)
Spendenkonto: CH57 0077 3000 5241 4014



Frühlings-Feuerbräuche bei den Nachbarn

Mit der Christianisierung wurden Bräuche aus vorchristlicher Zeit übernommen und inhaltlich angepasst. Während bei den «Fridlisfüür» das Gedenken an den Landespatron im Zentrum steht, markieren die Feuer zum Beispiel im Nachbarkanton Schwyz das Ende der Fas(t)nacht. Auch am Zürcher Sechseläuten ist ein Frühlingsfeuer der Höhepunkt.

Mitten in der Fastenzeit

Der Namenstag des heiligen Fridolins fällt mit der grossen Fastenzeit auch in eine Zeit des Verzichts und der Enthaltsamkeit. Gut möglich, dass die «Fridlisfüür» deshalb bescheidener anmuten als ihre opulenten Pendants in der Innerschweiz und in Zürich. Ganz ohne Rauch, Festlichkeit und Gaumenfreude geht aber auch der Fridolinstag nicht zu Ende.

So kreierten die Glarner Bäcker Anfang der 1980er-Jahren den «Fridliwegge». Das Zopfgebäck aus süssem Hefeteig gibt es nur am 6. März – die übrigen 364 Tage wird darauf verzichtet.

Was den Rauch angeht, werden die «Fridlisfüür» heute auf ihre Umweltverträglichkeit hin beurteilt. Denn als Brennstoff kamen gegen Ende des 20. Jahrhunderts auch Holzabfälle, Möbel oder ähnliches als Brennmaterial zum Einsatz. Seit 1985 ist das offene Abfallverbrennen wegen der giftigen Rauchgase verboten. Die kantonale Abteilung «Umweltschutz und Energie» verbindet die Beurteilung mit einem Wettbewerb.

Glück am Fridolinstag

Der 6. März hängt in jüngerer Zeit auch mit anderen besonderen Ereignissen zusammen. So bebte am Fridolinstag 2017 in Glarus Süd ein Erdbeben der Stärke 4,6 zum Glück ohne Schäden zu hinterlassen. Glücklich schätzten sich viele Glarner:innen auch am Fridolinstag 2021, als ihr Kanton den Zuschlag für das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (ESAF) erhielt. Seither steht «ds Füür brännt» für die Leidenschaft, die es für den bevorstehenden Megaevent mit 300'000 erwarteten Besucher:innen im Jahr 2025 braucht.

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Brauchtum / Feste
  • Ostschweiz

Publiziert am

06.03.2022

Webcode

www.glarneragenda.ch/R2QNZq