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Regionale News

Würdiges Finale einer besonderen Chor-Ära

Vor 48 Jahren wurde der Glarner Madrigalchor gegründet und seither von Niklaus Meyer geleitet. Er stand für Konzerte mit anspruchsvollen, selten gehörten Werken. So auch zu hören am Schlusskonzert vom 23.Juni 2018.

 


Wir hören auf! In einem Zeitalter, da die Unsterblichkeit immer näher zu rücken scheint (zumindest suggeriert das der digitale und sonstige Fortschritt…), und wo es immer noch irgendwo besser, höher oder weitergeht, wo sich Menschen und Institutionen ständig neu erfinden müssen, ist das ein Statement. Aufhören bedeutet ja auch: Aufmerken, hinhören, was jetzt dran ist. Feststellen dürfen, dass es gut so war, wie es war, es runde Sache, erfüllt und lebendig – in der gegebenen Zeit. Vergänglichkeit anerkennen und annehmen.


 


Das tut auch das üppige Programm des Schlusskonzerts im Gemeindehaussaal Ennenda. Das Thema des Wanderns, sich Veränderns, des Wachsens und wieder Vergehens zieht sich durch die drei Konzertteile, welche alle miteinander mehr als 2 Stunden Musik ergeben. Besonders schön: In der Mitte eingebettet die Uraufführung von „Über Wolken und Schmetterlinge“ von Peter Wettstein, eigens zu diesem Anlass komponiert. Teil 1 und Teil 3 sind Revival-Programme, eine Auswahl der best-of vielleicht (wobei es da sicher keine leichte Auswahl gibt). Wer im Saal umherspaziert, bekommt davon eine Ahnung: Überall liegen zu Päckchen geschnürte Noten, sie gehören einzelnen Chormitgliedern, darauf auf Karton geklebte persönliche Worte und Erinnerungen. Für die Opernprojekte, eins der „Markenzeichen“ des Chores schwärmen viele, aber manche auch von grossen geistlichen Werken oder Modernem, welches herausfordert zur Weiterentwicklung. Und man liest Essenzen wie: „Singen ist besser als nicht singen“, „Allein bin ich nur ein Ton, gemeinsam werden wir zum Klang“.  Die Motivation: „Wir machen Musik nicht, weil wir im Chor unsere sozialen Bedürfnisse befriedigen, nicht weil Musik intelligent macht oder Therapie für alles Mögliche ist. Wir machen Musik um der Musik willen“ – vom Dirigenten ausgestrahlt und in unermüdlicher Geduld und Hingabe in der Chorarbeit gelebt, hat viele berührt und inspiriert. Die Qualität und Freude, die Neugier auf Neues, sollte bleiben bis zuletzt. Und so war es zu erleben.


 


Es ist ein wahrlich ein Mammutprogramm, welches die eben nicht mehr so jungen Singenden da meistern. Eine Reise durch die Chorliteratur verschiedener Zeit und Stile. Teils a cappella, mit Klavier (Niklaus Meyer am Flügel) und begleitet durch ein Instrumentalensemble samt zwei Gesangssolisten. Mit dem Galatea-Streichquartett wurden engagierte Topmusiker eingebunden, im letzten Teil noch verstärkt durch den Glarner Cembalisten Martin Zimmermann. Auch Catriona Bühler und Robert Koller überzeugen restlos in ihren verschiedenen Rollen – ob zeitgenössisch oder barock.


 


Wanderlieder von Schubert: Ein herzhaft-schöner Auftakt für diesen Abend! Monteverdi: Madrigale von Liebe und Vergänglichkeit, anspruchsvoller polyphoner a cappella Gesang. Dann ein Sprung in die klassische Moderne mit Hugo Distlers „Ein Stündlein wohl vor Tag“ (auch wieder vergehende Liebe) und der berühmte „Feuerreiter“, hier tritt sogar zuletzt der Tod auf. Die ganze Bandbreite also! In diesem ersten Teil, „Festsaal“ genannt, steigert der Chor Präsenz, Fokussiertheit und Ausdruckskraft zunehmend und ist bei der Uraufführung von „Über Schmetterlinge und Wolken“ ganz auf der Höhe. Die neue Komposition von Peter Wettstein scheint das Beste aus dem Chor hervorzulocken!    


 


„Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiss, wie Wolken schmecken“ – ein kurzes Gedicht von Novalis als Einstieg, hier werden Viola und Bariton klanglich miteinander verwoben. Dann, in Matsuo Bashos Gedicht über den „Bruder Schmetterling“, verbinden sich Sopran und Cello. Dschuang Dsi (365 vor Christus geboren!) stellt im dritten Gedicht die Frage, ob wohl der Mensch träume, ein Schmetterling zu sein – oder umgekehrt? Hier bringt der Chor Bewegung und Dramatik hinein, Frauen- und Männerstimmen werfen sich gegenseitig die Worte zu: „Dschuang Dschu!“  – „Schmetterling!“. Hermann Hesse beschreibt mit den Versen vom blauen Falter, der wie ein perlmutternes Flimmern entschwindet, die Flüchtigkeit des Glücks. Diese Schönheit als musikalisches Moment darzustellen, ohne es sich in ihr gemütlich zu machen, das Fragile, Unsichere und Zerbrechliche zu offenbaren, das vermag die Klangwelt Wettsteins. Rhythmische Muster, die auseinanderfallen und unmerkliche oder plötzliche Wechsel des Ausdrucks führen in ein Erleben, das zwischen Realem (oder als real Angenommenem) und Traumwelten hin- und herwandert. So entsteht eine Metaebene, die über unsere Wahrnehmung von Zeit, Raum und eigener Identität nachsinnen lässt. Zweimal erklingt die etwa 12-minütige Komposition, dazwischen erfolgen einige aufschlussreiche Erläuterungen vom Komponisten.


 


Der dritte Teil, nach der Pause, bringt einige Ausschnitte aus der Händel-Oper Acis und Galatea, mitreissend und lebendig vorgetragen. Nachdem Galateas Geliebter durch den eifersüchtigen Nebenbuhler Polyphem getötet wurde, verwandelt sie ihn auf Rat des Chors in einen silbernen Quell und verleiht ihm so Unsterblichkeit. Galatea, eine Halbgöttin, kann so etwas wohl. Musik, ein ebenfalls unerschöpflicher Quell wird auch weitersprudeln im Leben der nun sich verabschiedenden Chorgemeinschaft, in jedem Einzelnen. Hans Brupbacher, langjähriger musikalischer Wegbegleiter und Freund des Dirigenten, würdigt in einer Ansprache das gewaltige Lebenswerk. Ein paar Tränen dürfen fliessen. Aber dann wird erst beim Apéro, später beim Bankett, lange und ausgelassen weitergefeiert.   


 

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Gaster / See
  • Ostschweiz

Publiziert am

26.06.2018

Webcode

glarneragenda.ch/P9RJSk