SongLine Chor Ennenda – ein Verein mit Tradition und frischen Ideen  - 1
Christian Kalthoff, Mi-Helen Müller-Trautmann, Marina Knobel
Christian Kalthoff, Mi-Helen Müller-Trautmann, Marina Knobel
Glarus begrüsst alle
Glarus begrüsst alle
SongLinezelt an der Chilbi Ennenda
SongLinezelt an der Chilbi Ennenda
Gesang im Freien
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Afrika Fest
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Vereinsausflug
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Bild von Website
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Glarus

SongLine Chor Ennenda – ein Verein mit Tradition und frischen Ideen

Er entstand vor über 100 Jahren aus dem Männerchor Ennetbühls und ist seit 1992 als SongLine Chor bekannt und musikalisch vielfältig unterwegs: Die Dirigentin Mi-Helen Müller-Trautmann und die Chormitglieder Marina Knobel und Christian Kalthoff geben Einblicke.

Eigentlich hätten sie ein grosses Jubiläum. Und sie haben eine gute gefüllte Agenda: «Ja, wir proben weiter, trotz Corona, wir bleiben dran! Und hoffen, dass vieles geht.» Da wären zum Beispiel 2022: Mitsingen an der Näfelser Fahrt, Ende Mai am Schweizerischen Gesangsfestival in Gossau, Teilnahme am Kantonalen Kirchentag an Pfingsten, im August Teilnahme am Völkerfest in Einsiedeln, im September Mitwirkung bei «Glarus begrüsst alle». Dann hoffentlich die Chilbi Ennenda als Gesellschaftsanlass, die Altersheimständli, das Nachholen einer ausgefallenen Chorreise (diese findet alle drei Jahre statt) oder ein Vereinsausflug, und irgendwann: das Jubiläumsfest. «Im vergangenen Jahr waren nur wenige Auftritte möglich, aber die haben wir umso mehr genossen», sagen Dirigentin Mi-Helen Müller-Trautmann und die Chormitglieder Marina Knobel und Christian Kalthoff einhellig. Sie haben sich für dieses Vereinsporträt über den Chor schnell bereitgefunden, vom Chorleben zu erzählen. Mi-Helen Müller-Trautmann leitet den Chor seit 2018; Marina Knobel ist seit bald zwei Jahren dabei und Christian Kalthoff, der früher auch einmal Präsident war, seit über zwanzig Jahren.

Das Chor- und Orchesterwesen des Glarnerlands steht auf der Liste der Lebendigen Eidgenössischen Traditionen – eine Besonderheit, die sonst kein anderer Kanton aufweist. Die Musikvereine sind bis heute sehr wichtig für das Zusammenleben im Glarnerland, auch wenn sich natürlich vieles mit der Zeit ändert. Exemplarisch zeigt das die Geschichte des SongLine Chors. Seit 1881 gab es einen Männerchor Ennetbühls, der dann ab 1920 zum Gemischten Chor Ennetbühls erweitert wurde, und seit 1992 seinen jetzigen Namen trägt. Interessantes Detail: Dass vor über 100 Jahren auch «Töchter» Ennendas aufgenommen wurden, war eine Folge von Krieg und Pandemie: Nach dem 1. Weltkrieg und der Spanischen Grippe war der Mitgliederbestand so stark geschrumpft, dass man auch Damen willkommen hiess, die man sogar vom Mitgliederbeitrag befreite (was wohl nicht allen passte).

Ein Ennendaner Chor ist der SongLine Chor bis heute geblieben, auch wenn die Singenden nur noch zum kleinen Teil dort wohnen, einige kommen sogar von ausserkantonal. Zur langen Tradition gehören alle zwei Jahre das Singen am Silvester-Gottesdienst in der Ennendaner Kirche, Auftritte in den Ennendaner  Altersheimen und das beliebte SongLinezelt an der Ennendaner Chilbi (früher «Moulin Rouge»). «Wir sind kein Kirchenchor, kein Gospel- oder Popchor, wir pflegen bewusst ein breites Spektrum, und genau das gefällt uns.» Wie sind die drei zum Chor gekommen?

Die Geschichte von Christian Kalthoff, der vor rund zwanzig Jahren mit seiner Frau Katrin aus Deutschland in die Schweiz einwanderte und damals als OP-Instrumentier-Pfleger im Kantonsspital Glarus begann, ist vielleicht auch eine der typischen (Neu-)Glarner Geschichten: «Katrin war zuerst im Chor und hat mich animiert mitzumachen. Musiziert hatte ich auch früher schon, aber noch keine Erfahrung im Chorsingen. Es war eine tolle Entdeckung, wie viel Spass das machte, und für uns zudem eine wunderbare Gelegenheit, Anschluss zu finden.» Nach all den Jahren Chor-Erfahrung und Stimmbildung fühlt er sich nun mit seiner Stimme viel sicherer und wohler, da habe sich viel entwickelt. Nach seinem Lieblingsrepertoire gefragt, kommt die überraschende Antwort: «Lieder auf Rumantsch! Da steckt so viel Gefühl und Ausdruck drin, eine schöne Sprache!» Nach schönen Konzerten und Proben schwebe er regelmässig auf Wolke sieben, das sei noch immer so. Inzwischen hat seine Frau den Chor verlassen; auch er war während einer Krise vor Jahren mal drauf und dran, auszusteigen. Doch da ein Auftritt bevorstand, und mit ihm der letzte Bass weggefallen wäre, blieb er noch – und es folgte wieder ein Aufschwung. Vieles hat er erlebt, es waren bewegte Zeiten. Als sein persönliches Highlight aus zwanzig Jahren im Chor nennt Christian Kalthoff das Konzert «Lieder aus aller Welt» mit einem Riesenpublikumsaufmarsch im Gemeindehaussaal Ennenda 2007 unter der Leitung von Magdalena Mattenberger, «wobei wir neben bekannten auch die exotischsten Instrumente dabei hatten, wie ein afrikanisches Balafon oder eine mongolische Pferdekopfgeige».

Vieles steht und fällt mit der Leitung des Chors, meint auch Marina Knobel. Sie ist wie Kalthoff ein grosser Fan der Dirigentin Mi-Helen Müller-Trautmann. Dabei hat sie coronabedingt noch fast keine «normalen» Chorzeiten miterlebt, da sie praktisch kurz vor dem ersten Lockdown Mitglied wurde. Und trotzdem fühlt sie sich reich erfüllt durch das bisher Erlebte. Auch Marina Knobel hat mit dem Schwerpunktfach und der Matura in Musik an der Kanti Glarus schon eine «Vorgeschichte», aber das Singen absolvierte sie mehr oder weniger freudlos, hatte fast schon damit abgeschlossen. So schlug sie einen Berufsweg als Sachbearbeiterin in der Immobilienbewirtschaftung ein. Vor zwei Jahren, da war sie von Zürich wieder ins Glarnerland gezogen, sah sie bei ihrer Mutter, die auch im SongLine Chor ist, die Notenmappe liegen und fühlte sich verlockt, es auch zu probieren. «Und da hat sofort alles gepasst für mich, der Spirit, die Musik, das Miteinander. Dass man etwas zusammen erarbeiten kann, dabei noch Freude hat und sich weiterentwickeln kann. Ich bin zwar mehr ein ruhiger Typ und würde dazu neigen, nach einem strengen Arbeitstag zuhause zu bleiben. Aber wenn ich dann zur Probe gehe, gibt es mir enorm Energie und ich gehe mit so vielen guten Gefühlen heim.» Die Verbindlichkeit des festen Termins wertet sie eher als Vorteil, «da ist die Entscheidung schon gemacht, wo man hingeht».

Während des Lockdown 2020 fehlte Mi-Helen Müller-Trautmann die Musik und der Kontakt zu den Singenden sehr, und so initiierte sie ein Online-Chorprojekt mit einem Kanon, welches noch über den SongLine Chor hinaus geöffnet wurde und sehr viel Zuspruch fand. Zudem versandte die Dirigentin jeden Dienstagabend (wo sonst im Schulhaus Ennenda Probe wäre) ein elektronisches Päckchen an ihre Chorsingenden, mit kleinen Übungen und Aufgaben, was den meisten viel Spass machte und den Kontakt aufrecht erhielt, es war aber kein Muss da mitzumachen.  Indessen haben sich auch alle daran gewöhnt, mit Masken, Abstand und 2G zu proben, das sei einerseits strenger – aber auch: «Man wird viel schneller sicher in der eigenen Stimme, weil man sich nirgendwo anhängen kann.» Immerhin ist der mehrstimmige A-cappella-Gesang für den Chor ein wichtiger Schwerpunkt.

Die Dirigentin bezeichnet es als Glücksfall, wie sie zu ihrem Chor gekommen ist: «2016 zog ich ins Glarnerland und suchte wieder einen Chor, da ich aus meiner Zeit in Zürich einige Chöre hinter mir gelassen hatte. Da bekam ich von einer ehemaligen Studienkollegin einen Tipp…» Diese Kollegin hatte mit Christian Kalthoff in Kontakt gestanden – und es dauerte nicht lange bis es «funkte». Mi-Helen Müller-Trautmann, die zu 80 % an der Kanti Glarus als Musiklehrerin arbeitet, dort den Kanti-Chor und einen Lehrer-Projektchor leitet, ist musikalisch breit aufgestellt: Sie studierte ausser Klavier und Gesang auch Chorleitung, hat sich in klassischer Musik, Jazz und Pop ausgebildet. In Berlin aufgewachsen, zog sie 2007 in die Schweiz, hat an der ZHdK (Zürcher Hochschule der Künste) 2013 ihren Abschluss erlangt. Die vielfältige musikalische Ausrichtung des Chors passt ihr sehr gut. «Ich finde es schön, das bisherige Repertoire zu pflegen – vom klassischen ‘Locus iste’ übers Volkslied bis zu fremdsprachiger Chormusik, und auch wieder neues einzuführen. Dies gemeinsam zu erarbeiten ist sehr befriedigend!»

Das nächste grosse Ziel, das Schweizerische Gesangsfestival in Gossau, gehen alle mit Freude wie auch Ernsthaftigkeit an. «Bisher gab es, bis auf ein Jahr, jeweils Höchstnoten bei den Bewertungen. Darauf hoffen wir auch diesmal.» Und was das grosse Jubiläum angeht, da haben sie gelernt, flexibel zu bleiben. «Es soll festlich und würdig werden, aber nicht überladen. Inhaltlich müssen wir noch sehen, was Sinn macht, auch wegen Covid.» Wichtig sei auch, dass es in den Alltag der Ausführenden passe: «Es darf intensive Phasen geben, aber auch wieder ruhige Zeiten.» Verbissenheit liegt ihnen fern. Denn dazu hat die Freude einen viel zu wichtigen Platz: So gehört der Ausgang nach der Chorprobe, die Geselligkeit, auch zur DNA des Vereins. Das war schon immer so: «Wir haben eine Liste von Restaurants, die wir reihum besuchen und unterstützen.» Nebst den Mitgliederbeiträgen und Sponsoren tragen auch die Chilbi-Einnahmen zur Finanzierung des Chors bei.        

Wie sieht es mit Nachwuchs aus? Dazu hat sich der Vorstand vor einiger Zeit schon Gedanken gemacht. Es wurden ein neuer Flyer kreiert, die Facebook Seite aktiv bewirtschaftet, eine attraktive Website gestaltet und es gibt ein ansprechendes Corporate-Design – bis hin zu T-Shirts und Aufklebern. Und dazu: Mundpropaganda. Marina versucht es z.B. bei Gleichaltrigen, «ich zeige ihnen, was wir cooles singen. Oft muss man aber erst mal Hemmschwellen überwinden. Leute für etwas Regelmässiges zu gewinnen, ist nicht so leicht. Andererseits wird nach der Coronazeit eine solche gemeinsame Live-Aktivität auch wieder vermehrt geschätzt, weil man den Wert neu erkennt! Ich denke, mit unserer Art Musik und dem menschlichen Umgang sind wir überhaupt kein altmodischer Verein, sondern sehr dynamisch. Früher waren Vereine teils etwas sehr Steifes, Hierarchisches, das ist wohl noch in manchen Köpfen. Wir bemühen uns aber, Vorurteile abzubauen.» Projekte anzubieten, wo man auf absehbare Zeit mitmachen kann, könnte auch helfen. «Schön sind Gelegenheiten wie der Neuzuzügeranlass der Gemeinde Glarus, wo wir animieren können, mal unverbindlich reinzuschnuppern, was auch schon passiert ist.» Jederzeit kann man sich melden, um  eine Probe zu besuchen. Derzeit sind etwa 20 Aktive dabei, «aber wir dürften gerne noch wachsen!»

Text und Bild der drei Interviewpartner: Swantje Kammerecker. Weitere Fotos zvg vom SongLine Chor Ennenda   

https://www.songlinechor.ch

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Glarus

Publiziert am

31.01.2022

Webcode

www.glarneragenda.ch/JyXTSZ