Bild: Pixabay
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Kultur, Dies & Das

Politik macht Kultur

Macht Kultur Politik? Inspiriert von einem politischen Anlass, der neulich auf Kultur setzte, nähern sich meine Gedanken der Antwort darauf anhand von drei Beispielen – einem lokalen, einem kantonalen und einem nationalen.

Das Klöntal ist bekannt für Kultur. Früher zum Beispiel mit Jazz-Konzerten im Rhodannenberg. Manchmal zum Beispiel mit der Bergchilbi vom Jodelklub Glärnisch oder mit dem Bergschwinget vom Schwingklub Glarus-Mittelland. Nächstes Jahr mit der Klöntal Triennale und im Richisau trifft Kultur sowieso auf Natur: mit Kunst, Architektur, Kulturpfad, Konzerten und Lesungen.

Das alles hat zwar mit Kultur, aber noch nichts mit Politik zu tun. Im Klöntal ist das Bindeglied dazwischen die Natur. Sie brachte am 8. August 2021 die Politik und die Kultur zusammen. Am Aktionstag «Chlüntel und zwar langsam» rief ein achtköpfiges Organisationkomitee inklusive Frosch-Maskottchen dazu auf, ohne Auto und Motorrad ins Klöntal zu reisen – also ganz im Sinne von: Zier Dich nicht so und komm zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem Bus.

Das Zückerchen war das kulturelle Angebot: ein Konzerttag mit den Glarner Bands The Sands, The Liptons, Time to Fly, Lanik und Hazer Baba. Zückerchen war auch das kulinarische Angebot von Street-Food Klöntal mit Pop-up-Bar im Vorauen – eine moderne Form der Gastronomie, die junge und kreative Catering-Fachleute aus dem Glarnerland diesen Sommer wagen.

Auch die Politik, war da. Sie war die Auslöserin des Anlasses. Nebst den Grünen Glarus präsentierten sich der Verein KlimaGlarus.ch, der Frami Träffpunkt und die Veranstalter selber an Ständen. Recht zurückhaltend befanden sie sich etwas abseits vom Kultur- und Kulinarikgeschehen. Recht angenehm zurückhaltend. Und dennoch recht gut besucht.

Während sich der grösste Teil des Publikums und der Gäste an diesem bewölkten Sonntagnachmittag an den Aufruf hielt, ohne Auto oder Motorrad anzureisen, und die gemütliche Atmosphäre an den Konzerten offensichtlich genoss, bewegten sich auch immer wieder einige davon zu den Ständen. Da ging es um die Umweltbelastung des Verkehrs, um Lösungsvorschläge für den menschgemachten Klimawandel, um die Überwindung interkultureller Barrieren und um den Memorialsantrag «Slow Sundays im Klöntal».

Für einen poetischen Moment lang präsentierte sich die Politik auch selber als Kultur – bei der Begrüssung mit dem Gedicht Schøntal von Søren Ehlers.

Ob sich das kulturelle Publikum mit der Politik identifiziert, lässt sich nur vermuten. Vermutlich ja. Aber interessiert hat es sich an diesem Tag vor allem für Musik, Food und Getränke. Wie sich das Publikum tatsächlich verhält, wird sich bei den kommenden Abstimmungen über die präsentierten Themen zeigen.

Dass Politik auf kantonaler Ebene Kultur nicht nur kann, sondern ist, dafür gibt der Kanton Glarus das eindrücklichste Beispiel gleich selber ab. Zwar darf sie offiziell nicht so richtig als kultureller Anlass bezeichnet werden, doch enthält sie jede Menge Kultur für die Menschen, die an ihr teilnehmen: Begegnung, Gespräche, ein bisschen Musik und lebendiges Markttreiben.

Die Rede ist von der Glarner Landsgemeinde, die zu den lebendigen Traditionen der Schweiz zählt. Wie kulturell sich die Landsgemeinde im Kontext einer Pandemie zeigt, wird sich nach zweieinhalbjährigem Verzicht auf kantonale Abstimmungen am 5. September 2021 zeigen. Dann geht es auf dem Zaunplatz auch um Kultur – konkret um zwei Millionen Franken für den Freulerpalast. Um den Memorialsantrag für acht autofreie Sonntage im Klöntal, für die «Chlüntel und zwar langsam» vor einer Woche schon mal trainierte, geht es vermutlich an der Landsgemeinde 2022.

Auch auf nationaler Ebene stimmen Glarnerinnen und Glarner schon bald über ein politisches Thema ab, das mit seiner Kampagne auf Kultur setzt. Seit Kurzem versuchen die Befürworter der Ehe für alle mit einem Song die Herzen der Menschen für die Gleichberechtigung der Liebe zu gewinnen.

Künstlerinnen und Künstler wie Adrian Stern, Dabu Fantastic, Zibbz, Caroline Chevin, Tiziana Gulino, Lucas Fischer, Nick Vega, Rislane, Idathehoney und Mattiu Defuns singen den Song in allen vier Landesprachen. Wie «Chlüntel und zwar langsam» setzen sie also auf Musik, verzichten aber auf einen Pink Panther als Pendant zum grünen Frosch als Maskottchen. Die Gegner scheinen bisher noch auf das kulturelle Element zu verzichten und setzen mit der Angst auf ein anderes bewährtes politisches Instrument.

Ob es der Politik bei diesen Beispielen gelingt, mit der Kultur zu punkten, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Was die Politik mindestens damit erreicht: Sie vermittelt. Und genau das macht Kultur aus.


Autor: Werner Kälin, Ennenda

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Kultur
  • Musik
  • Weitere Politik

Publiziert am

15.08.2021

Webcode

www.glarneragenda.ch/L8LFRB