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Regionale News

Poetry to go: Gedichte à la minute in Glarus

Am 27.September 2019 fand bei Baeschlin Bücher die Glarner Premiere von „Poetry to go” statt: Passanten oder vorsätzlich Interessierte nutzten die Gelegenheit, sich von 7 PoetInnen Verse schreiben zu lassen. Eine spannende Erfahrung, die Glückshormone freisetzte.

Wer sagt, dass Lyrik weltfremd oder nicht mehr zeitgemäss sei? Das Gegenteil scheint der Fall, wie kürzlich man am ersten Glarner „Poetry to go”-Abend, erleben konnte. Wie glücklich es machen kann, zu dichten, mit einem Gedicht bedacht zu werden oder zu beobachten, wie Menschen miteinander über Verse ins Gespräch kommen. „Echte Poesie kann kommunizieren, bevor sie verstanden wird“, dieses Zitat der britischen Schriftstellerin George Eliot (1819-1880), mag es auf den Punkt bringen. Oder als Notwendigkeit ausgedrückt: „Der Mensch, der seine Verbindung mit den Göttern verloren hat, weiss keinen andern Ausweg mehr, die Vereinzelung aufzuheben, the last exit: poetry“ (Wolfgang Rohne-Radegast). Allerdings kann die Liebe zur Lyrik auch lebensgefährlich werden – vor einigen Jahren berichtete der BLICK über einen tödlich endenden Streit zwischen einem Prosa-Fan und einem Lyrik-Fan in der russischen Stadt Irbit im Ural. Im Zwist darüber, welche dieser Künste bedeutender sei, starb der Lyrik-Fan durchs Messer des anderen! 


Doch abgesehen von solchem Extrembeispiel (hat jede Leidenschaft ihre Extremisten?) mag man der Dichtkunst sonst wohl eher positive Haupt- und Nebenwirkungen zuschreiben. Doch wie kam es zu dieser Glarner Poetry-to-go-Premiere? Ich entdeckte diesen Frühling in Spanien, genauer gesagt in der Innenstadt von Granada, diese Art von Strassenkunst: Da sass eine junge Frau vor einem Campingtischchen mit einer Schreibmaschine (jung und Schreibmaschine, passt das überhaupt zusammen??), neben sich ein Schild: „Give me a word“ und einen kleinen Stapel Blankopostkarten. Und dann tippte sie, wann immer jemand ein Gedicht bestellte, die Zeilen schwungvoll hinein. Und wie andere Street-Art-Künstler, die mit Tönen, Farbe oder Tanz lockten, gab es auch dafür ein interessiertes Publikum. Wäre so etwas im Glarnerland ebenfalls möglich? schoss es mir durch den Kopf. Warum es nicht mal ausprobieren?


Zusammen mit dem Verein kulturzyt und der zentral an der Hauptstrasse in Glarus liegenden Buchhandlung Baeschlin wurde das Experiment gewagt. Von dem etwa ein Dutzend angefragten Glarner PoetInnen erklärten sich 7 gerne bereit, mitzumachen. Die Stadtglarner Shopping Night, jeweils Ende September, schien passend, da auch abends noch etwas in den Strassen los ist. Zumindest theoretisch. Am besagten Tag zeigte sich nämlich, dass es kalt und leicht regnerisch war, zudem das Trottoir wegen einer grossen Baustelle rundumher etwas schwer zugänglich. Das aber tat den Dichterfreu(n)den keinen Abbruch, die Veranstaltung fand dann eben indoor statt. Und es kamen Leute!


Bald war das gemütliche Klapperm von drei Schreibmaschinen zu hören. Nostalgische Erinnerungen flackerten bei einigen Anwesenden auf. „Wie bedient man so ein Ding?“ erkundigte sich Sämi, der jüngste der Poeten, hatte dann aber schnell den Dreh raus und stellte plötzlich fest, dass er drei halbe Stunden damit zugebracht hatte – völlig begeistert. Gross war auch die Freude derjenigen, die mit einem Gedicht beschenkt wurden. Die Stichwörter waren äusserst verschieden und anregend. Esther Koroma schrieb etwa über einen „Tisch“ oder das „Gedächtnis“, Margrit Brunner über „Die Viola“, Hansrudolf Frey über „geflügelte Äpfel“, manchmal wurden Personen bedichtet, so zwei Freundinnen, die gemeinsam unterwegs waren. Und schlussendlich gaben sich alle PoetInnen die Challenge, dem vom Gastgeber Baeschlin gegebenen Stichwort „Bücherwelt“ einige Verse zu widmen. 


Vom witzig gereimten, tiefgründig knappen, fantasievoll verschlungenen Gedicht bis zum verkehrt herum zu lesenden Achrostichon kamen die unterschiedlichsten Ergebnisse dabei heraus. Auch darum ist Poesie so spannend – weil sie eben eine riesige Spannweite an Ausdrucksmitteln hat, uns in ihrer Kürze und ihren Pointen berührt, neue Gedanken anstösst oder zum Widerspruch reizt. Sie mag sanft, liebenswürdig, nachdenklich, frech oder naseweis, voller schönem Nonsens, mit Widerhaken oder mit tiefen Abgründen daherkommen. Wir erlebten sie an diesem Abend als eine nahbare Kunst, die uns Zugang zum oftmals nur Geahnten ebnet, es sozusagen vom gasförmigen in den kristallinen Zustand überführt. Und uns vernetzt, verbindet mit anderen Menschen, deren Gedanken, Fragen, Erfahrungen. Und dies manchmal noch auf verschiedenen Sprachen – deren Klang uns Heimat vermittelt. „In unserer Familie gehörte es dazu, Gedichte zu schreiben“, erklärt etwa Esther Koroma, eine der PoetInnen. Andere, wie Jere Landolt oder Sämi Acosta, fanden über die Musik zum Dichten. Manche scheiben Verse für Feste, für die stille Kammer oder auch schon mal für Wettbewerbe. So gewann etwa der Lyriker Werner Scherf bei Glarus schreibt 2019 mit dem Gedicht „Jazz“ gleich zwei Preise – den der Jury und den Publikumspreis. Lyrik erfolgreich zu publizieren, ist bis heute nicht einfach, aber machbar – wie die bereits bekannte Lyrikerin Margrit Brunner zeigt. 


Text: Swantje Kammerecker, Bilder zvg.


 

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Glarus
  • Ostschweiz

Publiziert am

01.10.2019

Webcode

glarneragenda.ch/8AfqT8