Plakat zur Ausstellung
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Plague - Installation
Plague - Installation
Plague - Installation
Plague - Installation
MRI-Bilder: Gehirnkrebs und Tumor
MRI-Bilder: Gehirnkrebs und Tumor
Operation
Operation
Knochen auf dem Rasen
Knochen auf dem Rasen
Grabstein in der Ausstellung: Andrew Olivio
Grabstein in der Ausstellung: Andrew Olivio
Maske
Maske

Dies & Das

Kunsthaus Glarus: Puppies Puppies (Jade Kuriki Olivio) Transfrau

Ausstellung vom 6.6. bis 22.8.21: Persönliche Erfahrungen zum Geschlechtswandel und die gesellschaftlichen Situationen sind in einer deutlichen Sprache mit tabulosen Bilderwelten im Kunsthaus ausgebreitet. Die Besucher*innen sind mit Situationen, Installationen und Bilderwelten konfrontiert, die Stehvermögen verlangen. Schönheit oder Sensibilität sind in dieser Kunstwelt ohne Bedeutung.

Wer mit „Puppies“ das Bild von Welpen in der Erinnerung abruft, ist weit gefehlt. Doch alles der Reihe nach. Transgender hat die sprachlichen Wurzeln „Trans“ als „jenseits von“ und „Gender“ als „soziales Geschlecht“. Es geht um Personen, deren Geschlechtsidentität nicht oder nicht vollständig mit dem nach der Geburt eingetragenen Geschlecht übereinstimmt. Diese Lebensform bedeutet, dass ein Mensch mit einem Genital geboren wird, das einer der beiden Kategorien männlich/weiblich zugeordnet wird, sich aber nicht mit den gesellschaftlichen Konnotationen dieser binären Geschlechtszuschreibung identifiziert. Transgender wird als Oberbegriff für Personen verwendet, die sich einer eindeutigen Geschlechtszuordnung entziehen. Unterbegriffe sind „Transsexualität“ oder „Transvestitismus“.  Man spricht auch von „Transgeschlechtlichkeit“. Diese Bezeichnung dient als Oberbegriff der Selbst- und Fremdbeschreibung der geschlechtlichen Ausprägung und als Form der Identität. Mit Transgeschlechtlichkeit sind Formen wie Heterosexualität, Homosexualität, Bi-oder Asexualität und deren Auswechselbarkeit gemeint. Es gibt Transpersonen, die medizinische Massnahmen anstreben, wie Hormontherapien oder geschlechtsangleichende Operationen. Ob und in welchem Ausmass transgender Personen medizinische geschlechtsangleichende Massnahmen anstreben, ist im Einzelfall verschieden, gilt oder galt jedoch als notwendige Voraussetzung für eine gesetzliche Änderung des Vornamens oder des Personenstandes. Eine Studie aus den USA – Williams Institute, 2016: A.R. Flores, J. L. Hermann: How many adults identify as transgender in the USA?  – identifiziert einen Anteil von 0,6% Transmenschen bei der Gesamtbevölkerung, mit deutlichen Zunahmen sowohl in USA als auch in Europa. Berichte über Personen, die einen Rollenwechsel beschreiben, lassen sich überall finden. Der rituelle Wechsel der Geschlechterrolle, oder soziale Rollen für Menschen, die sich ihrem zugewiesenem Geburtsgeschlecht nicht zugehörig fühlen, sind bei Indigenen auf der ganzen Welt verbreitet. In unserer Gesellschaft sind viele Transgender-Personen am Arbeitsplatz, bürokratischen Angelegenheiten oder bei Arztbesuchen Diskriminierungen ausgesetzt und in vielen Ländern sind sie nicht gesetzlich vor Diskriminierung geschützt. Das geht soweit, dass die Betroffenen keine adäquate Gesundheitsversorgung erhalten, oder dass sich medizinische Fehlbehandlungen und Unterversorgung häufen. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Menschen häufiger an Sucht, Infektionen, psychischen Störungen oder Krebs leiden. Angststörungen, Depressionen und die Suizidalität sind deutlich häufiger.


Die Künstlerin Puppies Puppies (Jade Kuriki Olivio) ist ein Beispiel für die angesprochenen Diskriminierungen und psychischen Probleme. Sie geht in der Ausstellung ohne Tabu an die eigene Lebensgeschichte heran und zeigt in starken Installationen, mit Gegenständen und Bildern auf, was bei sich selbst und in der Gesellschaft passiert ist oder passieren kann. Die Ausstellung ist eine Retrospektive und bringt Werke zusammen, die zwischen 2011 und 2021 entstanden sind. Bis 2018 zeichnete sich ihre Arbeit dadurch aus, dass sie von einem anonymen Künstler*innen-Subjekt verfasst worden sind. Der Name  Puppies Puppies  verriet weder Geschlecht oder Herkunft. Er diente als Pseudonym. 2018 begann das Heraustreten aus der verschleierten Identität. Ihr Aktivismus und Engagement für die Rechte der Transmenschen hat stetig an Bedeutung zugenommen. Die Ausstellung umfasst zehn Jahre der Transition bis zur Transfrau, die versucht Dinge im Leben zu verändern und den Transmenschen mehr Respekt und Wertschätzung entgegenzubringen. Das erlebte Schicksal hat zu eindrücklichen Darstellungen des Todes geführt. Der Grabstein von Andrew Olivo, ihrem Geburtsnamen,  auf einem echten Rasen mit menschlichen Knochen ist ein Beispiel. Weiter auch die Installation „Plague“ mit bedeckten Leichen am Boden, ausgestopften Ratten und einer Figur, in der Maske der Pest gehüllt und im Hintergrund ein Video, welches die Knochen des Reiters und des Pferdes sichtbar machen.


Ihre Aufzeichnungen in Textform sprechen das Leiden in der Rolle der Transfrau an und nehmen auf folgende Inhalte Bezug: Einforderung von Respekt für die soziale Rolle von Transmenschen oder das Selbstverständnis als „two-spirit-Person“ entgegen dem binär angelegten Geschlechtsmuster von Frau und Mann. Die einschneidenden Erlebnisse in der Sozialisierung sind von Missbrauch und Geringschätzung getragen. Die Künstlerin wählt dazu das Symbol der Schlange, die sich häutet. Im Christentum stand früher die Schlange als Symbol des Weiblichen, des Körpers und des sexuell Ausgegrenzten. Durch die Häutung hat sich die Symbolik der Schlange aber auf die Heilkraft oder als Gottheit der Medizin verändert. Bei indigenen Völkern gilt die Schlange als Symbol der Magie und des Geistigen.


Der Künstlerin geht es auch darum, dass die Rolle als Transfrau akzeptiert wird. Sie spricht darüber, dass sie den Weg mit der Heilung durch die Natur gefunden hat. Furchterregend ist allerdings in der aktuellen Welt als Transfrau zu leben. Die Tänze, ohne sprechen zu müssen, im Maskottchenkostüm – beispielsweise als Löwe – hat der Künstlerin Freiheit bei den körperlichen Bewegungen gegeben. So konnte sie die Hüften in einer Weise bewegen, die ohne Kostüm zu Schlägen und Demütigungen geführt hätten, weil sie frei von einer männlichen oder weiblichen Zuschreibung waren.  Die Bewegung im Tanz ist Emotion. So verknüpfte sie ihren Tanz mit den indigenen Vorfahren durch ihren Vater, der aus der Karibik stammte und schaffte eine Verbindung zu ihre „two-spirit-Vorfahren“. Sie verbindet den Tanz mit der Qual des Todes der Emotionen und der Flüchtigkeit des Lebens.


Auf der gesellschaftlichen Ebene verbindet die Künstlerin Erlebnisse aus der Kindheit, im Kontext von Gräueltaten der japanisch-amerikanischen Internierungslager in den USA. Ihre Mutter war japanische Amerikanerin und hat einschneidende Erlebnisse, darunter die Bedrohung mit vorgehaltener Pistole vor den Augen ihres Kindes, die umsomehr dazu führten, dass Pistolen für die Künstlerin gehasste Gegenstände sind. Schliesslich hat das Schicksal Gehirnkrebs und einen Tumor ausgelöst, nach einem Autounfall. Bei der Operation ist die Haut der Stirn nach vorne gehoben und der Schädel entfernt worden. Eine Installation einer Person mit offenem Schädel ist am Boden liegend in der Ausstellung zu sehen. Zu guter Letzt beklagt die Künstlerin den Mangel an Empathie und Sympathie in der Kunstwelt gegenüber den Transmenschen. Sie ruft für Unterstützung der Transmenschen auf und hofft auf Verbesserung des Respekts als Transmensch. Die Hoffnung lebt, dass das Leiden der Transmenschen gelindert werden kann.


Eine Ausstellung, die ans Mark geht. Ich habe mich gefragt: „Was darf Kunst?“ Die Kunst soll – aus meiner Sicht - Tabus ansprechen, wie es in der Ausstellung geschieht. Schon in den 70iger Jahren hat Hermann Nitsch mit dem Wiener Aktionismus Orgien, Mysterien und Theater zelebriert und Tabus in der Katholischen Kirche angesprochen. Kunst kann durchaus seelische Geheimnisse einer aktuellen Gesellschaft transparent darstellen.  Die leidvollen Darstellungen des Translebens, ohne Tabu, gehen unter die Haut. Intimität scheint keine Rolle zu spielen. Die exhibitionistischen Darstellungen finden in der Selbstdarstellung des Leidens ihren Platz.  Der Tod ist nahe und die Lebensfreude oder Lebensenergie wird in Schranken gewiesen.  Der Schrei nach Hilfe und das Vertrauen auf Hoffnung sind zentral. Die Aufmerksamkeit auf die Opfer des Transmenschen wird intensiv eingefordert. Der Mangel an Beachtung und Respekt im persönlichen und gesellschaftlichen Kontext sind zentral. Dies entspricht einer grundlegenden Einsicht, dass keine Beachtung zu erfahren, lebensbedrohlich sein kann und die Existenz einer Transperson gefährdet. Für die Entwicklung eines Menschen ist die uneingeschränkte, sprachliche und nicht-sprachliche Beachtung der zentrale Moment. Für sensible Menschen, oder für Kinder, ist die Ausstellung nicht unproblematisch. Es kann sein, dass einige Darstellungen und Inhalte der Ausstellung verstörend wirken können.  


 


Eduard Hauser


 


 


 


 

Autor

Kulturblogger Glarus

Kontakt

Hauser Eduard
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8872 Weesen
hauser.eduard@gmail.com
079 375 81 99

Kategorie

  • Glarus

Publiziert am

16.06.2021

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