Plakat Heimspiel
Plakat Heimspiel
Karin Reichmuth - Skulptur
Karin Reichmuth - Skulptur
Karin Reichmuth - Skulptur
Karin Reichmuth - Skulptur
Karin Reichmuth - Malerei
Karin Reichmuth - Malerei
Tomas Baumgartner
Tomas Baumgartner
Peter Kamm
Peter Kamm
Hosney A. Zadeh
Hosney A. Zadeh
Tamara Janes
Tamara Janes
Rachel Lumsden
Rachel Lumsden
Simone Kappeler
Simone Kappeler
Roland Haas
Roland Haas
Barbara Signer
Barbara Signer

Dies & Das

Kunsthaus Glarus:  "Heimspiel" und Fokuspreis für Karin Reichmuth

Bis zum 6.Februar 2022 zeigt das Kunsthaus Glarus die Einzelausstellung von Karin Reichmuth zum Gewinn des Fokuspreises sowie die überregionale Gruppenausstellung "Heimspiel". Aus dem Glarnerland sind insgesamt 24 Bewerbungen eingegangen.

 

Das „Heimspiel“ findet alle drei Jahre in unterschiedlichen Institutionen statt. Mit dabei sind: das Kunsthaus Glarus, das erstmals Austragungsort ist, die  Kunsthalle Appenzell, der Kunstraum Dornbirn, die Kunsthalle St. Gallen und das Kunstmuseum St. Gallen. Der Kulturbeauftragte des Kanton Glarus, Dr. Fritz Rigendinger, betonte an der Pressekonferenz die Wichtigkeit der überregionalen Zusammenarbeit.  

Die Kuratoren:innen der jeweiligen Institutionen haben die Kunstschaffenden juriert und ausgewählt. Der Kanton Glarus ist insgesamt mit vier Positionen vertreten; zwei Positionen sind in der Kunsthalle Appenzell und eine Position in der Kunsthalle St. Gallen vertreten. Aus dem Glarnerland sind  24 Bewerbungen eingegangen, von insgesamt rund 440. Tomas Baumgartner vertritt die Glarner unter 19 Positionen im Kunsthaus Glarus

Die verschiedenen Ausstellungsorte haben unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Im Kunsthaus Glarus ist die Auseinandersetzung mit kritischen Inhalten zur aktuellen gesellschaftlichen Lage angekündigt. „Die ausgewählten Positionen setzen sich kritisch mit dem Ist-Zustand auseinander und stellen Fragen zu materiellen Manifestationen. Normative Ausdrucksformen werden neu in den Blick genommen. Um das Gegebene zu reflektieren, weisen die Künstler:innen auf ideologische Strukturen hin, die an spezifische räumliche und mediale Ausgangsbedingungen geknüpft sind“; so der Einladungstext aus kuratorischer Sicht.



Anhand ausgewählter Künstler:innen versuche ich zu verstehen, wie sich Kunstschaffende damit auseinander setzen. Gelegenheit dazu gibt es sehr viele. Auf der ökonomischen Ebene können wir von einer Benzin-, Beton-, Lärm- oder Plastikschweiz ausgehen. Auf der gesellschafts-politischen Ebene sind der Umgang mit der Natur und der Pandemie, den persönlichen Freiheitsrechten, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern oder die zunehmende Ungleichheit mögliche Inhalte. Doch, was ist davon zu sehen oder zu verstehen?

Der Fokuspreis von Karin Reichmuth

Basis ihrer Arbeit als Steinmetzin ist die Auseinandersetzung mit der Skulptur. Karin Reichmuth hat  an der Akademie der Künste in Wien und Reykiavik bis 2011 bildende Kunst studiert. Die Möglichkeit ein Atelier in Carrara IT zu betreiben führt sie ins Marmor Zentrum. Die ersten Skulpturen entstanden, nach einem Romaufenthalt, im italienischen Carrara. Die atemberaubenden Steinbrüche bieten den passenden Boden für die Skulpturarbeit. Der Stein ist das Material mit welchem sich Karin Reichmuth hauptsächlich beschäftigt und sich wohl fühlt. Das Interesse der Künstlerin richtet sich hauptsächlich auf die Oberfläche der Skulpturen.
Die letzten Jahre hat sie sich unermüdlich mit diesem, in der zeitgenössischen Kunst nicht mehr weit verbreiteten Material, auseinandergesetzt. Sie hat es zu einer beachtlichen, handwerklichen Fähigkeit gebracht. Die technische Raffinesse und die verbindliche Präzision ihrer Steinmetzarbeit ist beeindruckend.
Die gezeigten Malereien verbinden den Stein mit der räumlich subkristallinen Welt. Es geht um kristalline Strukturen, die sie in abstrakter Form pr
äsentiert. Übergänge vom Festen zum Flüssigen, von der geformten Materie zur kristallinen Substanz sind  wegleitend. Die Gesamtkomposition der Ausstellung ist wichtig, weil durch die Gedankenverbindungen  ein Dialog mit den ausgestellten Werken entsteht. Das Publikum erlebt eine unmittelbare, räumliche Erfahrung.


Die Arbeitenvon Karin Reichmuth sind durch eine breite Vielfalt geprägt. Die Auseinandersetzung mit Alltagsgegenständen verweisen auf Ortsbezüge, Situation und Zustände in unserer Gesellschaft. Die Skulpturen der  Affen sind ein Beispiel dafür, was wir nicht wahrhaben wollen. Das eine Tier trägt eine Maske, in der Hand ein Handy. Das andere Tier, in Konfrontation oder im „Dialog“, beschäftigt sich auch mit dem Handy. Eine Situation, die wir im Alltag häufig sehen. Partner senden sich Bilder oder SMS, ohne miteinander zu sprechen. Diese Entwicklung in der Kommunikation  ist zu einer versteinerten Wahrheit geworden. Karin Reichmuth fragt sich, welche Kultur wir heute produzieren. Ein kritischer Beitrag zur gesellschafts-politischen Situation. Bei anderen, skulpturalen Arbeiten geht es um die Dynamik und Präsenz. Objekte und Gegenstände des Alltags werden im Stein transformiert.

Beispiele aus den Präsentationen „Heimspiel“

Ein Kompliment zur ästhetisch ansprechenden Ausstellung, die eine Vielfalt unterschiedlicher Techniken und Medien zeigt. Kunstschaffende haben sich mit neuen Möglichkeiten und Technologien auseinandergesetzt, aber auch mit Malerei, Video oder Skulptur. Darüber kann man sich freuen.

Die angesprochene Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Themen findet weniger oder nicht statt. Einige ausgewählte Positionen zeigen, wie die Kunstschaffenden damit umgegangen sind.

Tomas Baumgartner ist der einzige Glarner, der am Heimspiel in Glarus zu sehen ist. 2020 hat er im Kunst(Zeug)haus in Rapperswil eine Ausstellung im „Seitenwagen“ durchgeführt. Es ging um eine Installation „ein sehr harter Winter ist, wenn ein Wolf einen anderen frisst“. Im Blog vom 8.12.2020 habe ich über diese Ausstellung berichtet. „Der Übergang unserer räumlichen Wahrnehmung hin zu imaginären Räumen interessiert mich“, so der Künstler in einem Interview. Am Heimspiel zeigt er eine grosse Installation „kept in a nap – 2021“. Er fügt Wandpaneele aus einer Wohnung in Glarus zusammen . Es werden Bilder sichtbar, wo zuvor Jagdtrophäen oder ein Kruzifix gehängt worden sind. Die in Aluminium gerahmten Wandpaneelen erfahren durch den künstlerischen Eingriff eine neue Bedeutung. Die Skulptur ist ästhetisch sehr ansprechend und überzeugt durch seine klare und präzise Machart. Mit Phantasie kann ein Bezug zur gesellschaftlichen Realität hergestellt werden, weil Trophäen oder religiöse Zeichen und Symbole ihre Wertigkeit einbüssen.  

Peter Kamm hat einen Bezug zum Glarnerland. Er hat eine Lehre als Steinmetz absolviert, den Beruf aber nie ausgeführt. Von 1978 bis 1979 lebte er in Basel, anschliessend in Zürich, wo er sich in der Hausbesitzerszene und in autonomen Gruppen im Umfeld der Jugendbewegung engagiert hat. 1982 folgt der Umzug nach St. Gallen und 1984 beginnt seine künstlerische Tätigkeit.  Er erhält mit einem Skulpturprojekt  3-Mal das Eidgenössische Stipendium. Seither ist er im Bereich Steinskulptur und Zeichnung tätig. Am Heimspiel zeigt er eine Bodenskulptur, die sofort an die Blütezeit und den Untergang der Textilindustrie im Glarnerland erinnert. Die Steinskulpturen erinnern an Stempel, wie sie zum Druck der Textilien verwendet worden sind. Eine ästhetisch sehr ansprechende Arbeit, die aber wenig Bezug zu aktuellen, gesellschaftlichen Fragestellungen herstellt.

Hosney A. Zadeh zeigt im Treppenhaus eine schöne, grafische Arbeit. Er hat für eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz Jahre lang warten müssen. Schade, dass die persischen Schriftzeichen, die den Schlüssel zur Wartezeit beinhalten, nicht in unsere Schrift übersetzt worden sind. Der Künstler thematisiert aber mit seiner Arbeit ein wichtiges Problem aus der Gesellschaftspolitik und schafft damit Aufmerksamkeit für eine aktuelle Herausforderung.

Tamara Janes zeigt „Poor Image Noise Series ». Die Aufnahmen der Künstlerin entstehen durch einen langen, digitalen Bearbeitungsprozess. Aufgezogen auf Aluminium zeigen die Bilder eine Präsentationsform von Fotografien, die an die Aktualität anknüpfen. Eine Arbeit hat mich sofort an die symbolische Darstellung des Covid-Virus erinnert; in meiner Wahrnehmung eine Verbindung zur Aktualität.  

Die Gemälde von Rachel Lumsden nehmen Unfallereignisse zum Ausgangspunkt. Unglücke sind thematisiert, die im öffentlichen Diskurs zu den Schuldfragen geführt haben. Ein Motiv ist die Blockade des Suezkanals durch das Containerschiff «Ever Given» im März 2021, was zu Unterbrüchen in den Handelsketten geführt hat. Ein aktueller Bezug zur Gesellschaft ist insofern vorhanden, als die Lieferketten in einer globalisierten GesellschaftAbhängigkeiten provozieren und die Frage aufwerfen, ob nicht auch eine Mischung zwischen Global und Lokal bei den Handelsbeziehungen sinnvoll sein könnte; Wir sprechen von der «Glokalisierung».

Simone Kappeler zeigt «Der Garten nachts» Die Arbeiten vermitteln  Momente, die mit dem menschlichen Auge so nicht wahrgenommen werden können. Sie hat in ihrem privaten Garten das Verborgene im Dunkeln zum Sujet ihrer Arbeiten gemacht.Die eindrücklichen, mit Symbolen durchsetzten Arbeiten zeigen einen Weg, der direkt in die unterbewussten Strukturen des Menschen führen. Aktuelle gesellschaftliche Problemstellungen sind nicht thematisiert. Allerdings sind die gewählten Motive allgemein gültig, weil sie aus dem kollektiven Unterbewusstsein ihre Kraft schöpfen.

Roland Haas zeigt zwei dunkle Arbeiten zu unterirdischen Bergbausituationen. Damit stellt er die Frage ins Zentrum seiner Arbeit, wie weit die Menschen die Natur zerstören. Inwiefern und ab welcher Dimension  wird die Bearbeitung der Natur ein problematischer Eingriff, der zerstört, was wir gerne haben. In dieser Art erreicht die Arbeit des Künstlers eine gesellschaftliche Bedeutung, weil die Menschen die Natur wenig sorgfältig behandeln und die Natur ab und zu mit voller Kraft zurückschlägt und uns aufzeigt, dass mehr Bescheidenheit sinnvoll wäre.

Das letzte Werk von Barbara Signer «Gate» ist für mich für die ganze Ausstellung symbolisch zu verstehen. Das Tor steht am Eingang zur Ausstellung. Dieses steht nicht nur als Dekorationsform für festliche Anlässe. Das Tor hat einen hohen, symbolischen Wert und zeigt uns auf, dass beim Druchschreiten des Tors eine andere, neue Welt entstehen kann. In diesem Sinn eine Arbeit, die auf unsere Zeit verweist.

 

Zusammenfassung

Eine interessante Fokuspreis Ausstellung von Skulpturen, die räumliche Erfahrungen auslösen. Ein „Heimspiel“ mit vielfältigen, handwerklich gut gemachten künstlerischen Positionen. Die Aesthetik der Gesamtschau ist bestechend. Wer nach aktuellen, gesellschafts-politischen Positionen sucht, der wird auch einzelne Werke finden.

Eduard Hauser

 

Autor

Kulturblogger Glarus

Kontakt

Hauser Eduard
Blogger
Biäschenstrasse 10
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hauser.eduard@gmail.com
079 375 81 99

Kategorie

  • Ostschweiz

Publiziert am

13.12.2021

Webcode

www.glarneragenda.ch/73TrGh