Susanne Hauser: Zerbrechlichkeit der Natur
Susanne Hauser: Zerbrechlichkeit der Natur
Susanne Hauser: Zerbrechlichkeit der Zivilgesellschaft
Susanne Hauser: Zerbrechlichkeit der Zivilgesellschaft
Susanne Hauser: Komplexe Systeme
Susanne Hauser: Komplexe Systeme
Susanne Hauser: Gefahren der Natur
Susanne Hauser: Gefahren der Natur

Dies & Das

Kultur der Zerbrechlichkeit

In unserer komplexen Welt sind die Systeme "Zivilisation" und "Ökologie" in ihrer Zerbrechlichkeit gefährdet

Wir leben in einer Welt der komplexen Systeme. Vieles ist stark miteinander verknüpft. Wechselseitige Abhängigkeiten machen es schwierig die richtigen Massnahmen so zu treffen, dass die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Systeme nicht kollabieren oder aus dem „Ruder laufen“.

Bei einer Erwerbsquote von rund 80%, einer Arbeitslosenquote von rund 3,5% im Coronaumfeld oder einem hohen Index für gute Arbeitsbedingungen gibt es in der Schweiz stabile Voraussetzungen in der Wirtschaft. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass die Stabilität neu gesehen werden muss. Die Coronapandemie hat dazu beigetragen, dass sich stabile Gleichgewichte schnell in Unsicherheit verwandeln. Die wirtschaftliche Ungleichheit der Einkommen, die zunehmenden Konkurse oder die Härtefälle in verschiedenen Branchen führen zu einer Steigerung der Armut.

Die Generation „Tinder“ der 18 bis 25-Jährigen hat Mühe stabile Beziehungen und Partnerschaften zu pflegen. Die „Singlemania“ trägt mit den veränderten Werten und der verstärkten Emanzipation der Frauen dazu bei, dass eine verstärkte Selbstbestimmung mit Freiheitsansprüchen entstanden ist. Für 80% der Frauen sind Karriere und Kinder im Mittelpunkt. 70% der Männer wollen keine emanzipierte Partnerin, 80% der Frauen wünschen sich aber einen partnerschaftlichen Mann. 75% der Männer sehen sich immer noch in der Rolle des Alleinverdieners, obwohl es immer mehr Frauen gibt mit höheren Verdiensten als die Männer. Die Lohnungleichheit bei Frauen und Männern ist immer noch ein Thema; bei rund zwei Dritteln der Frauen und Männer sind die Lohnungleichheiten zu Gunsten des Mannes Realität. Die Selbstverwirklichung ist für beide Geschlechter ein zentrales Thema. Dazu müsste die Kompromissbereitschaft in einer Partnerschaft gehören. Viele Beziehungen – Sex vor Beziehung – hinterlassen Verletzungen. Die Dating-Zombies flüchten   auf die Suchplattformen, wo man anonym bleiben und beim Dating eher auf das Smartphone statt in die Augen des „Partners“ schauen kann. So wird der Seelenschmerz bei Rückweisungen erspart und niemand muss sich festlegen. Bindungsunfähigkeit und Eifersucht nagen an der Seele. So ist es nicht verwunderlich, dass aktuell die Fälle in der Jugendpsychiatrie im Kanton Zürich um 40% zugenommen haben. Zerbrechlichkeiten in der Kultur der Gesellschaft werden sichtbar. Die Unfähigkeit langfristige Bindungen einzugehen, kann das gesellschaftliche Zusammenleben aus dem Gleichgewicht bringen.

Unter dem Deckmantel der Demokratie entwickelt sich der Populismus mit diktatorischen Erscheinungsformen. Populisten rühmen sich die Benachteiligten in der Bevölkerung zu hören, zu schützen und ihre Situation zu verbessern. Sie pflegen eine einfache und laute Sprache, die auch von bildungsfernen Personen verstanden wird. Sie geben sich als Mächtige, die keine Macht haben und nicht dem Establishment angehören. Sie polarisieren und sprengen die Zusammengehörigkeit in der Gesellschaft. Sie sehen ihre Lösung von Problemen als die einzige, seligmachende Weisheit und nehmen andere Ideen nicht wahr. Sie sind vollgestopft mit Selbstvertrauen, was zur Arroganz führt. Selbstkritik gibt es nicht. Sie sprechen den Mob an, der auch bereit ist sich gegen demokratische Institutionen aufzulehnen. Auf der Ebene der sozialen Medien geben die Menschen über sich vieles preis, obwohl sie nicht wissen, was mit ihren Daten passiert. Konzerne wie facebook, twitter, Amazon etc. wissen alles. Es gibt eine starke Einflussnahme auf die persönliche Entscheidungsbildung, weil alle nur jene Informationen erhalten, die ihre Meinungen bestätigen. Die gleichen Menschen, auf Datenschutz pochend, geben in den sozialen Medien alles preis; Naivität oder Gleichgültigkeit?  Kultur der Zerbrechlichkeit wird sichtbar.

Das andere komplexe System ist die Ökologie. Für die Generation „Tinder“ ein tragendes Thema. Sie knüpfen bei der Erd-Erwärmung  und dem CO2-Ausstoss an. Die Wissenschaft lässt uns die Folgen des Klimawandels erkennen, doch wir ignorieren diese Einsichten und tun zu wenig. Die sozialen und ökonomischen Netzwerke müssten umgestaltet werden. Das ist sehr komplex und anspruchsvoll. Rund eine Million der katalogisierten Arten sind bedroht. Es zeigt sich, wie das Klima, das Wetter, die Ökosysteme, der Meeresspiegel, Dürren, die Migration und soziale Spannungen zusammenhängen. Neu ist, dass es nicht Vulkanausbrüche oder Meteoriteneischläge sind. Die drohende Katastrophe ist menschengemacht. Die Zerbrechlichkeit wird sicht- und spürbar.

Die Schweiz kann als Benzin-, Beton-, Lärm- und Plastikland charakterisiert werden. Der Verkehrslärm überschreitet für über eine Million Bewohner*innen die Grenzwerte deutlich und hinterlässt Krankheiten mit der Zerstörung von  46 000 Lebensjahren. Die Zersiedlung des Landes schreitet voran. Das Land ist Architekten überlassen, die industriell hergestellte Katalogware verkaufen. Die Schweizer*innen lieben grosse und starke Autos. Die Hälfte der neuen Autos ist mit Allrad angetrieben oder erfüllt die SUV-Kriterien. Starker Schneefall verhindert den Verkehr. Ein Zeichen dafür, wie zerbrechlich die Technik ist. Die Flugscham hat nicht stattgefunden. Allerdings hat die Pandemie die Privatfliegerei auf den Boden geholt.  Die Plastikberge werden, unter anderem über die Plastik-Bio-Verpackungen der Lebensmittel, angehäuft. Pro Tag wird im Durchschnitt eine Mahlzeit weggeworfen, parallel dazu gibt es immer mehr Bedürftige, die auf Lebensmittelhilfen angewiesen sind. 700 kg Abfall pro Jahr und Person ist Weltrekord verdächtig.  Kurz: Auf unserem kleinen Territorium verbrauchen wir pro Jahr dreimal die Kapazität der Erde. Das hat mit dem Lebensstil zu tun. Eine Kultur der Zerstörung hat um sich gegriffen. Die Frage ist nur, ob und wann das komplexe System zerbricht und die Umkehr nicht mehr möglich ist. Man spricht in der Systemtheorie vom „Kipping Point“, wo es kein Zurück mehr gibt.

Eine aktuelle Kulturerscheinung der Zerbrechlichkeit ist die aktuelle Pandemie. Die gewählte Strategie heisst „Lockdown“; es könnte auch „Lock-out“ sein, d.h. das Virus würde vom Land ferngehalten. Die Krise ist ein „produktiver“ Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Das Schönreden  ist so lange im Zentrum gewesen, bis die zweite Welle der Pandemie die Fallzahlen explodieren liess. In der Katastrophe und in der Not ist der föderale Mittelweg der Tod. Professionelles Krisenmanagement mit klaren politischen Zuständigkeiten ist nötig. Frühzeitiges Agieren wäre möglich.  Das Bild des „Flickenteppichs“ der Massnahmen gefällt den Verantwortlichen nicht. Sie bevorzugen das Bild des Mosaiks. Die Abbildung wechselseitiger Beeinflussungen und die Bildung von systemischen Netzwerken würde einem Mosaik entsprechen. Gesellschaftliche Hysterien nehmen zu. Psychische Krankheiten sind stark verbreitet. Endlich sind die Impfstoffe bereit., werden aber zu langsam und nach föderalem Muster verimpft. Es gibt  die Hoffnung, dass alles gut gehen wird und die Pandemie erfolgreich bekämpft werden kann. Erfolgsprinzipien von Vorzeigeländern sind nicht berücksichtigt. Taiwan, als Demokratie mit drei Mal mehr Einwohnern als die Schweiz, hat viel weniger Todesfälle, Ansteckungen sowie ein positives Wirtschaftswachstum. Schnelle Entscheidungen wie die Schliessung von Grenzen im Schengenraum und adäquate Grenzkontrollen wären zielführend.  Arbeiten mit Echtzeit-Daten und integrierten Datenbanken ohne Zahlensalat, dafür mit konsequenter Digitalisierung, schnelle und unbürokratische Informationen und Zahlungen an Gewerbebetreibende, die das Geschäft schliessen müssen; leider immer noch mit dem Prinzip „Flickenteppich“. Vertrauen in die Regierung, leider auf tiefem Niveau und Corona-Skeptiker fehlen auf den Strassen. Soziale Medien verbreiten ohne Unterlass Horrormeldungen und Fakenews. Sie filtern für die Nutzer die Informationen so, dass jeder seine vorgefasste Meinung bestätigt erhält. In der Schweiz glauben rund 33% an Verschwörungen. Das professionelle Kontakt-Tracing sollte die Ansteckungsherde erkennen. Grabenkämpfe zwischen der 70ig köpfigen Taskforce und der Politik sollten nicht stattfinden.  „Öffnen und Schliessen“ der Wirtschaft und Gesellschaft mit antizipatorischen Massnahmen wäre möglich. Die Pandemie ist ein Musterbeispiel der Zerbrechlichkeit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kultur des Landes.

Bei den zwei wesentlichen Systemen, Zivilgesellschaft und Ökologie, gibt es eine grosse Anzahl wechselseitiger Beziehungen. Mit Big Data und dem Verstehen von Netzwerken innerhalb der komplexen Systeme besteht die Möglichkeit, die Risiken richtig einzuschätzen, die Kipp-Punkte in den Systemen zu vermeiden, also Resilienz zu erzeugen. Die zentralen Einheiten der Macht sind die Institutionen, nicht Einzelpersonen oder Führungskräfte. Mit der zunehmenden Fragmentierung wird es immer schwieriger Fakten von Fakenews zu unterscheiden. Personen entscheiden nicht mehr frei, sondern das, was andere wollen, wenn die Verwirrung für politische Zwecke über Manipulationen noch stärker wird. In den Netzwerken geht es immer mehr um Emotionen, weniger um wirtschaftlichen Wohlstand für alle. Die Parteien kümmern sich immer mehr um die Emotionen und Erwartungshaltungen einzelner Gruppen und deren Verletzung durch andere.  Bedenklich ist, dass die Volkswirtschaft immer noch mit Gleichgewichtsmodellen arbeitet, obwohl die Veränderungen in der Wirtschaft laufend stattfinden und zu Ungleichgewichten führen. Von der Fähigkeit die Zukunft voraus zu sagen sind wir weit entfernt. Krisenausschläge haben in der globalisierten Welt weiter zugenommen. John Mynard Keynes, der bedeutende Ökonom sagt: „In the long rund we are all dead“.

Eduard Hauser

 

Autor

Kulturblogger Glarus

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Kategorie

  • Glarus

Publiziert am

18.01.2021

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