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Dies & Das

Kultur der Beschönigungen

Im täglichen Umgang miteinander haben die Beschönigungen einen hohen Stellenwert. Die Gesetze der Kommunikation sind dargestellt.

„Beschönigungen“ in der menschlichen Kommunikation sind Alltag. Die Standardfrage „wie geht es?“ wird in der Regel mit „danke, gut“ oder noch besser mit „ausgezeichnet“ beantwortet. Es handelt sich um eine „rituelle Handlung“, die davon ausgeht, dass der Ansprechpartner zur Antwort gibt, was ich erwarte. Ein vertieftes Gespräch wird ausgeschlossen. Man kann das auch „small talk“ nennen, der – nicht nur bei gesellschaftlichen Zusammenkünften - rege gepflegt wird. Ein Interesse am Gesprächspartner wird nicht sichtbar. Gedanken sind schlussendlich „zollfrei“. Ich kann innerlich immer noch denken, „es geht wohl nicht so gut“. Aber das interessiert eigentlich niemanden. Auf der Ebene der Rituale findet ein Austausch statt, der parallel verläuft. Die  Kommunikation kann  lange weiter gepflegt werden. Es findet keine Konfrontation, keine Unstimmigkeit statt. Die Fassade kann gewahrt werden.


Grundlage aller Überlegungen ist das Prinzip der „Komplementarität“. Die persönlichen, charakterlichen Fähigkeiten orientieren sich an zwei positiven Polen. Beispiel: Der Fähigkeit sich durchzusetzen steht die Fähigkeit Kompromisse zu schliessen gegenüber, oder: Der bejahenden Grundhaltung steht die kritische Grundhaltung gegenüber, oder: Dem Selbstvertrauen steht die Selbstkritik gegenüber. Jede Person kann auf einem Kontinuum von „sowohl als auch“ bis zu einer „sehr starken“ Ausprägung eingestuft werden. Von Interesse sind die Übereinstimmungen und Unterschiede der Selbst- und Fremdeinschätzung. Je stärker diese Einschätzungen voneinander abweichen, desto grösser ist die Gefahr der Beschönigung. Weiter spielen auch die Ängste ein grosse Rolle. Diese sind bei jenen Positionen zu finden, die eine Orientierung am Gegenpol unwiderruflich ausschliessen. Beispielsweise schliesst die autokratische Durchsetzung die Fähigkeit Kompromisse zu schliessen aus. Oder: Das narzistisch-arrogante Selbstvertrauen schliesst die Selbstkritik aus. Bei diesen Anlagen, die zwischen Wunsch und Realität nicht unterscheiden können, kann von einer neurotischen Persönlichkeit gesprochen werden, die ausschliesslich von Beschönigungen lebt. Das wohl aktuellste Beispiel ist eben abgewählt worden .


Im Gespräch mit einer anderen Person gibt es immer die Ebenen „was ist mir bekannt, oder unbekannt“ und „was ist Dir bekannt, oder unbekannt“. Was „mir bekannt ist, dem anderen aber verborgen bleibt“ ist die soziale Fassade, bei welcher ich „mein Gesicht“ ohne Verlust bewahren kann. „Mir und anderen bekannt“ ist die Ebene des offenen Austauschs und des Dialogs; Lernen findet statt. „Mir unbekannt und anderen bekannt“ sind die blinden Flecken, wo ich als Person nicht weiss, wie ich auf andere wirke. Das Selbst- und Fremdbild wird konfrontiert. Die schwierige, uns nicht direkt zugängliche Ebene ist „mir und den anderen unbekannt“. Hier öffnet sich das Tor zum Unbewussten.


Es ist zu berücksichtigen, dass es in jeder menschlichen Kommunikation auch eine Köpersprache gibt, die nicht direkt kontrollierbar ist und die „Wahrheit“ zeigt, denn der „Körper lügt nicht“. Mimik, Gestik und das Distanzverhalten zu anderen Personen sind direkt sichtbare Zeichen, die wir in der Kommunikation setzten.  Sympathie wird vor allem über das Gesicht wahrnehmbar und im Ton der Botschaft spürbar. Was jemand wirklich gesagt hat – im Sinne eines mitgeschriebenen Protokolls – ist für die Erzeugung von Sympathie nicht entscheidend. Zusätzlich ist zu beachten, dass die Körpersprache antizipierend ist. Die Mimik und Gestik folgt dem Gesagten voraus. Personen, die gut beobachten können sind fähig, die Aussage „mir geht es ausgezeichnet“ auf den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Das Gesagte und das wirklich Gemeinte kann zusammengefügt werden, ohne zu wissen, wie es der anderen Person konkret geht.


Bei der Kultur der Beschönigung finden Interaktionen häufig auf zwei parallel laufenden Ebenen statt. Die Interaktionen sind verdeckt. Dies bedeutet, dass das Gesagte nicht dem entspricht, was eine Person gemeint hat. Beobachtbar ist dies, wenn die Körpersprache im Widerspruch zum tatsächlich Gesagten steht.  Schwierig wird dieses Kommunikationsverhalten, wenn zwischen zwei Personen die Rollen des Opfers, des Angreifers und Retters gleichzeitig gespielt werden. Dieses Verhalten ist unter dem Titel „Spiele der Erwachsenen“ bekannt geworden. Bei diesen Interaktionsmustern gibt es immer Gewinner und Verlierer. In der Regel ist der Gewinner*in die Person, welche das Spiel gestartet hat. Diese Muster sind in der Kindheit gelernt und werden im Erwachsenenleben zur Perfektion entwickelt. Die Person in der Rolle des Opfers kann sich nur so wehren, indem sie das Spiel unterbricht. Die Spiele sind eine perfekte Bühne für die Beschönigung von Situationen, allerdings mit hohem Aggressionspotenzial.


In der Kommunikation gibt es Antreiber, die vom Zeitgeist abhängig sind, und auf das Gesprächsverhalten grundlegend Einfluss nehmen. Aus früheren Zeiten sind Antreiber „sei perfekt“, „pass Dich an“, „sei stark“, etc. Aus der aktuellen Zeit gelten Antreiber wie „sei selbstbewusst“ oder „sei kritisch“. Es ist einsichtig, dass angepasstes Verhalten, welches nicht den Motiven entspricht, zu Beschönigungen führen kann. Ebenso kann ein übersteigertes Selbstbewusstsein zwischen Schein und Sein nicht unterscheiden. Die Folge sind beschönigende Aussagen in der Kommunikation.


Schliesslich sind Wortwahlen wichtige Ausdrucksformen, die zu Beschönigungen führen können. Beispielsweise hat heute Jeder mindestens ein „Projekt“, also ein komplexes und risikoreiches Vorhaben, nur schon weil auch die „Komplexität“ zu einem Lieblingsausdruck verkommen ist. Ohne Projekt müsste vermutet werden, dass die betroffene Person einen „Bullshit-Job“ hat, der wenig mehr als langweiliger Zeitvertreib ist und zur Wertschöpfung nichts beiträgt. „Resilient“ ist in der Zeit der zunehmenden Angststörungen und Depressionen zu einem Lieblingsbegriff geworden.


Kurze Wörter wie „geil“, „super“, „agil“ oder „aggro“ sind nicht nur Ausdruck der Jugendkultur. Sie verdecken Emotionen, die nicht ausgesprochen werden, weil damit Beschönigungen einer Situation möglich sind. Für gesendete Botschaften haben wir vier Empfangskanäle. Eine Botschaft kann auf der Sachebene, der Beziehungsebene, als Selbstoffenbarung oder als Appell beim Empfänger ankommen. In Abhängigkeit eines der vier offenen Ohren entstehen Schwierigkeiten auf der Ebene des Verständnisses, was wiederum zu Beschönigungen führen kann. Die in der Pandemie stark zunehmenden psychischen Erkrankungen können auch zu Beschönigungen führen, weil sie in unsere Zeit passen, in der Schmerz oder Widerstandskraft nicht mehr so stark gefragt sind.


Der Kernpunkt all unserer Interaktionen ist aber das Bedürfnis beachtet zu werden. Die stärkste Beachtung ist die nicht an Bedingungen geknüpfte, sprachlich und nicht-sprachlich ausgeführte Anerkennung. Die schwächste Form von Beachtung ist keine Anerkennung zu erhalten. Bei kleinen Kindern weiss man, dass zu wenig Beachtung zu Krankheiten oder sogar zum Tod führen kann. Jeder Mensch hat ein Beachtungskonto mit positiven und negativen Eintragungen. Starke Defizite an Beachtung drängen danach erfüllt oder kompensiert zu werden. Wir können täglich beobachten wie Personen nach öffentlicher Anerkennung streben. Ein offener Weg dazu, es mit der Wahrheit nicht immer genau zu nehmen und zwischen Schein und Sein nicht zu unterscheiden. Beschönigungen sind die Folge.


Auf institutioneller Ebene sind Beschönigungen an der Tagesordnung. Mit der Wahrheit nehmen es Vertreter*innen in der Öffentlichkeit nicht so genau. Vor allem in Krisenzeiten treten die Beschönigungen häufig auf. Wenn die Schweiz im aktuellen Ranking bezüglich Erfolg im Pandemiemanagement bei 89 Nationen nur auf dem 52.igsten Platz liegt, lässt dies aufhorchen. Anfänglich wird verkündet, dass Schutzmasken nichts nützen oder dass es dafür keine Evidenz gibt. Wahr ist, dass zu wenig Schutzmasken zur Verfügung gewesen sind. Das „Spiel“ wiederholt sich bei den Impfdosen, die zum Schutz der Bevölkerung verimpft werden. Der Stand der Digitalisierung ist so, dass es grosse Schwierigkeiten bei der Verarbeitung von Echtzeitdaten geht. Statistiken werden beschönigend präsentiert. Die Wahrheit ist, dass das Land bei den Todesfällen – teilweise mit Übersterblichkeit – oder bei der Anzahl Infektionen Spitzenplätze im europäischen Vergleich eingenommen hat. Die Behörden beschönigen die Art und Weise, wie das Pandemiemanagement umgesetzt wird. Bekannt ist: „In der Krise und in der Not ist der Mittelweg der Tod“. Statt breit verbreitet zu testen wird über Konzepte gestritten. Die Regierung regiert nicht, sie reagiert und administriert. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, so Friedrich Hölderlin. Beschönigende Hoffnung. Oder: „Die Hoffnung stirbt zuletzt, manchmal stirbt sie aber“.


Neuste Rankings bei der Ungleichheit der Geschlechter positionieren die Schweiz im Mittelfeld. Gründe dafür sind die Benachteiligungen von Frauen im Arbeitsmarkt, die fehlende Hilfe der Männer in der Heimarbeit und die klassischen Erziehungsrollen von Mädchen und Knaben. Wir hören immer wieder, was sich in den 50 Jahren seit der Einführung des Frauen Wahl- und Stimmrechts alles verbessert hat. Gerne wird der 2-wöchige Vaterschaftsurlaub und verschiedene Verbesserungen in der Sozialversicherung erwähnt. Für nordliche Länder unverständlich. Schweden nerft sich sogar daran, dass es immer wieder Verwechslungen mit der Schweiz gibt. Die Schweden sehen die Schweiz eher als muffiges, wirtschaftlich erfolgreiches Land. Wir befinden uns hierzulande in Gotthelfs Zeiten, reden aber gerne den Zustand der Gleichberechtigung schön


Eduard Hauser


 


 

Autor

Kulturblogger Glarus

Kontakt

Hauser Eduard
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hauser.eduard@gmail.com

Kategorie

  • Glarus

Publiziert am

01.02.2021

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