Glarner Brocki
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Flickwerk
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Eva Gallati und Second Hand Kleidish
Eva Gallati und Second Hand Kleidish

Glarus

Halbzeit im Kleiderfasten – und wie weiter?

Anfangs Jahr habe ich im Kulturblog von meinem Experiment berichtet, ein Jahr lang auf den Kauf von Textilien zu verzichten. Hat mir bislang  etwas gefehlt? Nein – und ja. Dies ist eine Zwischenbilanz. Und eine Recherche, wo man im Glarnerland nachhaltige Angebote findet. Fürs 2023.

Wie fühlte sich das Kleiderfasten nach einem halben Jahr an? Bin ich weiterhin, wie im Blog von Anfang Jahr, mental entlastet? Oder fängt die Challenge mich langsam an zu stressen? Wie hat meine Umgebung reagiert? Zuerst einmal: Die Feedbacks waren sehr unterschiedlich und von daher schon mal interessant. Von: «Waaas, das soll eine Challenge sein? Ich kaufe sowieso seit Jahren keine neue Kleidung!!» bis hin zu: «Aber ‘darfst’ du wenigstens Second Hand kaufen?» und «Ja, das probier ich jetzt auch grad!» Letztes Zitat stammt von meinem Liebsten, dessen Kleiderschrank auch gut gefüllt ist, aber der sich eine Ausnahme erbot: Socken nachkaufen. Die gehen halt sozusagen fortlaufend kaputt – und ich bin als totales Handarbeits-Untalent des Stopfens unkundig. Er hat tatsächlich nach einem halben Jahr fünf Paar neue Socken erstanden und etliche schadhafte Exemplare aussortiert. Aber nun zu mir: Ich habe im Blog Anfang Jahr geschrieben, dass meine Freundin mir aus zwei fussdurchlöcherten Strumpfhosen schöne Leggings gezaubert hat (und diese auch gezeigt) . Die upgecycelten (oder geupcycelten?) Teile habe ich richtig viel getragen und grosse Freude an ihnen gehabt. Das hat sich also schon mal gelohnt! Und auch sonst bin ich gut mit dem ausgekommen was mein Kleiderkasten hergab. Ob Klamotten für festliche Anlässe, den Alltag oder die Arbeit. Einmal habe ich versucht, selbst eine graue Leggings zu stopfen. Das war in den Sommerferien, als alle nähkundigen Wesen in meiner Umgebung verreist waren. Das Ergebnis ist grässlich (meint auch mein Mann), ich darf die nur zuhause tragen. Vermisst habe ich bis jetzt vor allem zwei Dinge: Ein schönes Badgewand und Schlupfschuhe. Es war ein warmer Sommer und ich öfters baden. Meine alten Badeanzüge sind  ausgeleiert und zum Teil so durchgescheuert, dass sie wohl demnächst mal auseinanderfallen. Bei den Schuhen, da habe ich schon länger nach solchen gesucht (möglichst vegan, aus weichem Textil) wo man einfach reinschlüpfen kann ohne sich zu bücken. Besonders schmerzlich habe ich sowas vermisst seit ich einen üblen Hexenschuss habe und das Schuhanziehen einfach mühsam wurde. Mein Mann hat solche praktischen Teile, auf die ich nicht ohne Neid schiele.


Kleidertausch und Kleiderbörsen. Zwei neue (gebrauchte) Textilien befinden sich aber in meinem Fundus. Eines ist das heissgeliebte ehemalige  Lieblingsshirt meiner Schwester, das ihr nicht mehr passt und von dem sie sich nur schmerzlich trennte. Niemand wollte es haben; so hab ichs vor dem Kleidersack gerettet. Das gleiche mit einem gepunkteten Rock, den eine Tante gerne innerhalb der Familie weitergeben wollte, und der mir als einziger Trägerin passte. Ich glaube, dass das beides nicht als «Verstoss» gegen meine Challenge gilt; ist es doch sogar schön, wenn Leute ihre Kleider tauschen. Vielerorts boomen SWAP-Events (Kleider-Ringtausch mit Plausch – jeweils ein maximale Anzahl von Teilen kann man bringen oder mitnehmen). Auch  im Güterschuppen Glarus gab es letztes Jahr ein erfolgreiches Kleidertauschevent im Rahmen der Aktionswoche Clever Glarus (https://www.guidle.com/de/nachrichten/glarus/fashion-und-kino-im-gueterschuppen_AsBrWYt) Jetzt im Herbst, am 5. Oktober steht auch wieder die im Fridolinsheim Glarus mit Damen- und Kinderkleidern an. Vielleicht gibt’s’ auch noch weitere, teilt mit!


Second-Hand im Glarnerland. In der aktuellen Konsumstatistik unseres grossen Nachbarn im Norden habe ich gelesen, dass bei den derzeit starken Sparbestrebungen der Bevölkerung der Kleidungs-Sektor an Nummer 1 steht. Es geht also offenbar auch ohne ständig Klamotten neu zu kaufen. Zugleich nehmen gute Second-Hand-Läden und Upcycling-Projekte mächtig an Fahrt auf. Also kann die aktuelle Krise auch positive Entwicklungen auslösen. Als Plattform für nachhaltige Angebote im Glarnerland wurde kürzlich «allerhandgl.ch»  von drei jungen Leuten (Sven Keller, Jonathan Hofmann Donat Beier) gegründet und erhielt den Preis «Der grüne Zweig». Meine Kulturblogger-Kollegin Eva Gallati, die mit ihrem Second Hand-Laden Kleidish ebenfalls auf dieser Plattform aufgeführt ist, kennt die Szene: «Viele Glarner Brockis verkaufen auch Kleider, so das Werkstatt-Café und die Glarner Brocki. Oft ist das Angebot grösser als die Nachfrage. Auch ich muss leider ablehnen was mir nicht verkäuflich scheint. Ich rate den Leuten jedoch dringend,  die Sachen nicht in die Altkleidersäcke zu tun. Lieber zum Solishop, die haben sich auch für die nächste Station etwas überlegt. Was bei mir nicht verkauft wird, gebe ich dorthin.». Die Glarner Soli Shops sind ein Projekt von Teen Challenge (Werkstatt Produktiva) in Glarus, Alo-Job in Schwanden, Joyning und der Asylbetreuung des Kanton Glarus. Das Angebot richtet sich an alle die für Kleidung weniger ausgeben möchten und einen ökologischen Beitrag leisten wollen.


Fast Fashion und Ökologie: Hier hat mich bei meiner Recherche ein Beitrag des ndr beindruckt (Link unten). Demnach lautet die Bilanz eines 4,99 Euro-Baumwollshirts u.a.: 2000 Liter Wasserverbrauch, 20'000 km gereist von der Ernte zum Verbraucher (Türkei, Südindien, Skandinavien, China, Deutschland). Lohnanteil für die Näherin, die 14 bis 18 Stunden täglich ausgebeutet wird: 0,13 cent. Ich denke, was wäre wenn… wie auf jeder Zigi-Packung die Schadstoffe und Gesundheitswarnungen und auf Lebensmitteln die Nährwerte und Allergiewarnungen stehen… wenn also entsprechend beim Textil nebst dem Kaufpreis auch der wahre «Preis» dieses Fetzens (siehe oben) offenbart würde? Würden wir aufhorchen und einmal mehr darüber nachdenken, ob wir zugreifen wollen, ob wir dieses Teil wirklich brauchen, ob es uns glücklicher macht? Das Problem ist halt: Meist sind es nicht wir, die in dem von Chemikalien verseuchten Fluss baden oder das Wasser daraus trinken müssen, oder denen ein brennendes Dach in maroden Textilfabriken auf den Kopf fällt. Wir sind erst alarmiert, wenn plötzlich lauter Wirtschaftsflüchtlinge kommen oder uns wegen des Klimawandels in den Alpen das Wasser ausgeht und wir es mit Helikoptern ranschaffen müssen!


Psychologische Effekte. Diesen relativ gut verdrängbaren Nebenwirkungen des eigenen Handelns steht vielmehr ein sofortiger Belohnungseffekt beim Kauf gegenüber. Ein kurzzeitiger Dopamin-Rausch, der uns im Moment des Beutemachens high macht, und dem wir immer wieder zum Opfer fallen, obwohl wir wissen, dass dieses Glück vielleicht bereits beim Auspacken zuhause verpufft ist… Es sei gar nicht unbedingt Willensschwäche, sondern oftmals neurologisch-psychologische Konditionierung, welche diese Handlungsmuster (bis hin zur Shoppingsucht) aufrechterhält. Und ihr ist umso schwerer zu entkommen, wenn dabei noch ein (zeitlich begrenzter) Rabatt winkt. Ihr kennt das ja alle: jetzt 2 für 1, oder das billigere Teil gratis, oder 2. Crash-Reduktion – 70 % Rabatt? Wer kann dann noch widerstehen, wenn er oder sie sehnsüchtig und das ganze Jahr bisher standhaft an jenem Laden vorbeigegangen ist?? Jetzt kommt meine kleine Sünde am Schluss: Ich gehe zwar nach wie vor an jedem Kleiderladen vorbei, ohne anzuhalten. Aber als ich beim Spar ins 50 % - Gestell schaue, wandert nebst der Suppe aus gerettetem Gemüse und dem veganen Tortenguss auch eine Strumpfhose in den Einkaufskorb. Es ist wie ein Reflex – und ich habs ungelogen erst gemerkt, als die Ware zuhause war. Ja und jetzt…? Ich legte die Strumpfhose in das Fach für zu verschenkende Sachen. Sie passt leider niemanden den ich kenne. Dort bleibt sie mal in Quarantäne bis im 2023.     


https://www.ndr.de/fernsehen/Fast-Fashion,xenius504.html(noch bis Anfang Nov. 2022)


Glarner Second Hand Läden:


Second Hand L & K Glarnerland, Landstr. 21, 8750 Glarus


kleidish: Hauptstrasse 6, 8750 Glarus


https://www.brockisearch.ch/brockenhaeuser/glarus/


https://solishop.ch (Soli-Shop, Schwanden, Mühleareal 27 sowie in Glarus, Kirchweg 86


Nachhaltige Angebote: Allerhandgl.ch

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Glarus

Publiziert am

29.08.2022

Webcode

www.glarneragenda.ch/3SFKtZ