Motus Ensemble
Motus Ensemble
Cuerdas und Julika Mani
Cuerdas und Julika Mani
Audrey Haenni
Audrey Haenni
Big band
Big band
Bellevue Saal mit Michael Eidenbenz
Bellevue Saal mit Michael Eidenbenz
Chris Wiesendanger
Chris Wiesendanger
Italienische Musik in der Dorfkirche
Italienische Musik in der Dorfkirche
Studierende an Matinee
Studierende an Matinee
Installtation zur Musik
Installtation zur Musik
Schlusskonzert Linthal
Schlusskonzert Linthal

Dies & Das

Eine Musikwoche – viele „Kinderszenen“

Das Programm der Musikwoche Braunwald wurde vom letzten Jahr coronabedingt praktisch komplett aufs 2021 verschoben. Jetzt zeigte sich: „Kinderszenen“ – das Motto kommt genau zur richtigen Zeit.

Über die diesjährige Musikwoche Braunwald findet man einiges zu lesen – und bald wird das alles gesammelt abrufbar sein auf www.musikwoche.ch, inklusive dem umfassenden und lesenswerten Schlussbericht des Festwochenleiters Michael Eidenbenz. Daher möchte ich, was ich während dem 4. bis 11. September 2021 am ältesten (und doch erstaunlich jungen) Festival der Schweiz erlebt habe, vor allem in persönlichen Gedanken schildern. Was nehme ich mit, und was gebe ich allenfalls auch weiter? Sich eine Woche lang auf die ganze Vielfalt des Wochenprogramms einzulassen, dabei nicht nur den eigenen „Favoriten“, sondern auch Unbekanntem zu begegnen, bewirkt bei mir dreierlei:


Erstens: Da zu sein und die Sinne zu öffnen, versetzt mich in eine andere, heilsame Welt. Zweitens: Der Geist erfreut sich an Inputs, an denen er auch über den Tag hinaus noch weiterknabbern kann. Drittens: Als muszierender Mensch bin ich nach dieser Woche, auch wenn ich da selber kein Tönchen gespielt habe, anders unterwegs. Diese Erkenntnis lässt mich jedes Jahr aufs Neue staunen! 


Von einer Durchlässigkeit des Denkens, dessen kindlicher Leichtigkeit, von Träumen und Märchen sprach Michael Eidenbenz, als er sich zum Wochenmotto „Kinderszenen“ äusserte. Wenn man sich dagegen in der Welt so umsieht, scheint es daran gerade besonders zu mangeln. Starre und Verhärtung, Angst und Abgrenzung… Wer macht nicht derzeit seine (teils traumischen) Erfahrungen damit? Nun ist das aber nicht erst „seit Corona“ so; wir sind schon lange aus dem Paradies gefallen, auch in einem Land, in dem wir sehr privilegiert leben können. Vernunft und Zweckmässigkeit regieren weite Teile unseres Lebens. Wir funktionieren, solange bis wir irgendwo „feststecken“. Und gerade dann, gerade darum braucht es – jederzeit! – Kultur, die uns über die Mauern in unseren Köpfen, aus den „Bubbles“ unserer Peergroup und aus manchem seelischen „Hungerturm“ herausholt. Deshalb hätte es 2021 kein besseres Wochenmotto geben können als: Kinderszenen!


Kinder, mit ihrem Entdeckerdrang und den unglaublichen, „unbeschränkten“ Ideen lehren uns, was alles noch geht! Toll ists, es wenn da mehrere Generationen zusammenspannen können, und verschiedene Institutionen. So geschehen am Eröffnungskonzert, wo etwa 80 Musizierende der Glarner Musikschule, in neun Ensembles (angeleitet von Sylvia Küng, Barbara Hübner, Ruth Müri, Marianne Schönbächler, Michael Juen, Stefan Mächler und Franceso Giampà, Geza Kalmar und Nicola Brügger) die Kinderszenen Robert Schumanns im neuen Klanggewand präsentieren. Ich könnte drauf wetten, dass mancher der 13 „Ohrwürmer“ sich in ihrer Neufassung im Gehör des Publikums festsetzen wird – etwa die „Träumerei“ als Gesangsballade mit englischen Text, das „Fürchtenmachen“ mit bellenden Kids oder der ausgelassene Bigband-Sound einer „Wichtigen Begebenheit“. Hörgewohnheiten aufbrechen, das gelang auch mit den Improvisationen des Pianisten Chris Wiesendanger zu den „Kinderszenen“ in der Dienstagsmatinee. „Das Überhörte, Versteckte, entdecken. Das Anhalten, in die Ritzen des Stücks eindringen. Mit eigenen Mittelns nachdenken, nachtasten. Vielleicht etwas unters Vergrösserungsglas nehmen“, so geht er in verschiedenen Arrangements vor.  Das kann wild-virtuos ausfallen, jazzig, aber auch verträumt. An Schumann liebt er die Ambivalenz von Strenge und Freiheit, die nicht nur kompositorisch, sondern auch als Lebenshaltung zu verstehen sei. Und: „Er lehrt uns Ökonomie und Ökologie in der Musik: Mit dem Material, sozusagen den Ressourcen des Klangs, sparsam umgehen, aus wenig mit Kreativität viel machen. Ich möchte mich davon inspirieren lassen und überlege mir zunehmend bewusst, nicht alles, was tönt wahllos und im Übermass in mich auszunehmen.“ Interessante Überlegungen!


An diesem Punkt kommt die Frage auf: „Was macht Musik mit uns?“ Wo wird sie wesentlich für uns, d.h., wie und wo verbinden wir sie, verbindet sie sich mit unserem eigenen Wesen? Über viele Jahre hatte ich während der Musikwochen „hoch überm Alltag“ in Vorträgen, aber auch Inputs von Musizierenden, immer wieder Aha-Erlebnisse. Einiges lang zurückliegende ist mir bis heute präsent – so etwa der Vortrag eines Professors namens Hans-Joachim Hinrichsen übers Melodram oder die Ausführungen einer Märchenforscherin namens Barbara Gobrecht. Und heutzutage sind die Referate von Festspielleiter Michael Eidenbenz ein Glücksfall. Er versteht es mit einem spartenübergreifenden Denken, via Aussagen in der Musik (heuer zur genialen Machart von Schumanns poetischen Miniaturen) eine wichtige Geisteshaltung zu vermitteln: Musik (und andere Kunst) lehrt uns - gerade im Klima gesellschaftlicher Spannung, angesichts eigener Zweifel und Unsicherheit - von festgefahrenen Deutungen wegzukommen und in einen Raum der Resonanz einzutreten.


Dieses Jahr gab es auch ein spannendes Referat der Begabungsforscherin Letizia Gauck (Uni Basel, Leiterin des ZEPP, Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie). Anstelle des Mythos der „Wunderkinder“ setzte sie die prägnante Analyse der (sich auch gegenseitig beeinflussenden) Faktoren, welche ein begabtes Kind zu einer erfolgreichen Laufbahn in diesem Fall in der Musik führen können. Auch kritische Aspekte kamen zur Sprache, etwa der beträchtliche Aufwand für die Förderung, das Risiko des „Absturzes“ wenn ein junger Mensch alles auf eine „Karte“ setzt und dann dieser Traum platzt – und auch die Wirkung einer (überhöhten) öffentlichen Aufmerksamkeit. Hochbegabung – dieser Begriff gefalle übrigens weder den „Betroffenen“ noch ihren Lehrpersonen besonders gut, war am Podium zum Thema „Begabte Kinder“ im Bsinti zu hören. Am meisten nehmen ihn Eltern und vor allem Mütter in den Mund. Während das „Elite“-Etikett im Sport keinesfalls verpönt ist, tut man sich in der Musik damit eher schwer. Wettbewerbe werden zweischneidig wahrgenommen, die Angst vor Ausgrenzung bei Jugendlichen gilt es ernst zu nehmen. Auch die „Überförderung“ und die beinahe fieberhafte Suche nach den nächsten Supertalenten, worin sich manche Stiftungen geradezu überbieten, können den Nachwuchs unter Druck setzen. In Schulen sind Unterrichtskonzepte gefragt, die sowohl dem Schulstoff wie auch der Begabungsförderung Rechnung tragen. Hierzu vernahm man interessante Inputs von Peter Aebli (Rektor Kantonsschule Glarus), DanieI Knecht (Leiter  PreCollege der ZHdK) und der Geigerin Audrey Haenni, die am Gymnasium Rämibühl Matura machte und zugleich an der ZHdK das Musikstudium aufnahm. Sie umrahmte gemeinsam mit Norina Hirschi (Klavier) den Anlass.           


Ja, die jungen Talente! Schön, dass es sie in Braunwald regelmässig zu hören gibt, meist in den Matineekonzerten: So heuer den 2006 geborenen Raphael Nussbaumer, der grosse Violin-Literatur wie die Franck-Sonate technisch und musikalisch brillant spielte, begleitet von Kateryna Tereshchenko. Oder das Duo Ursula Hyazintha Andrej (Cello) und Marta Cardoso Patrocinio (Klavier), das mit einem romantisch-poetischem Programm begeisterte. Und die Studierenden, welche an der diesjährigen Kammermusikakademie in Braunwald mit ihrer Dozentin Anna Gebert gewichtige Streichsextette von Brahms und Korngold erarbeiteten und aufführten. Im Idealfall entstehen aus dem gemeinsamen Studium oder Projekten feste Gruppen, wie das 2018 gegründete Bläserquintett MOTUS, dessen frisches und hochpräzises Konzertieren am Sonntag in der Dorfkirche erfreute.


Den jugendlichen Schwung und die Neugier auf die Musik – welche ja nie die Gleiche ist – zu erhalten und noch zu steigern, das lässt sich auch bei schon länger erfolgreichen Musikerinnen und Musikern beobachten. So genoss das Publikum die intensive Kommunikation beim Stradivari-Streichquartett und beim Duokonzert von Anna Gebert (Violine) und Anita Leuzinger (Cello), beim gemischten Quintett von Frits Damrow (Trompete), Carmela Konrad (Sopran), Martin Zimmermann (Cembalo) und Alex Jellici (Barockcello). Und es schätzte, wenn ein Pianist wie Cédric Pescia nicht nur mit bester Weltliteratur aufwartete, sondern auch persönliche  erläuternde  Worte an es richtete. Oder, wenn der Geiger Sergey Malov sein „Violoncello da Spalla“ vorstellt und mit seiner charismatischen  Virtuosität einen noch nie gehörten Beethoven hinlegt. Ja, bei ihm klingen sogar Etüden (seine Zugaben) wie hochkarätige Violinkonzerte! Auch das Zürcher Kammerorchester und ihr Solist und Dirigent Maurice Steger, im Schlusskonzert in der Evangelischen Kirche Linthal, verstanden sich aufs  feurige wie innige Konzertieren, so dass man den Eindruck hatte, es ginge um alles.


Und das geht ja eigentlich auch:


Weil, dann ist man wirklich in einer anderen Welt. Dann sind Herz, Hirn (und ggf. auch der innere Musiker, die innere Musikerin) voll in der Resonanz. Um auf den Anfang zurück zu kommen: Wenn ich wieder zuhause bin, merke ich es, sobald ich mich mit Violine, Viola oder auf dem Klavier betätige. Es ist mit Worten schwer beschreibbar ist: Ich erlebe die Musik anders. Vielleicht klingt sie auch anders. Die Sehnsucht nach jener „guten Musik“, das Erleben der Kühnheit, wie sie zu bewerkstelligen ist, hallt nach von den Darbietungen der Besten, die man dort oben in Braunwald hat hören können. Für die Laienmusikerin ein unermessliches Geschenk.                 

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Glarus
  • Ostschweiz
  • Zürich

Publiziert am

16.09.2021

Webcode

www.glarneragenda.ch/jDQHBq