Skulptur im Flur
Skulptur im Flur
Ein Schatz zwischen alten Fabrikmauern  - 1
Ein Schatz zwischen alten Fabrikmauern  - 1
Ein Schatz zwischen alten Fabrikmauern  - 1
Ein Schatz zwischen alten Fabrikmauern  - 1
Ein Schatz zwischen alten Fabrikmauern  - 1
Willi Gutmann (aus www.willigutmann.ch)
Willi Gutmann (aus www.willigutmann.ch)
Ein Schatz zwischen alten Fabrikmauern  - 1
Broschüre Coll. Gutmann Scan
Broschüre Coll. Gutmann Scan
Kunst in alter Fabrik
Kunst in alter Fabrik

Glarus, Zürich, Ostschweiz

Ein Schatz zwischen alten Fabrikmauern

Seit 2017 lagert der künstlerische Nachlass von Willi Gutmann (1927-2013) im Bodmer Areal in Rüti GL. Unlängst fanden drei Tage der Offenen Tür statt, ein weiterer wird am 6. November folgen. Trotz des internationalen Ruhms des Schweizer Bildhauers sind seine kinetischen Objekte hierzulande noch immer eher ein Geheimtipp. Ein Besuch.

Mit seiner handwerklich soliden Kunst, die aus einem kompakten Holz- oder Metallstück bewegliche und unendlich vielgestaltige, sogar tönende Skulpturen erschafft, passt Gutmanns Werk bestens ins von der Natur und frühen Industriekultur geprägte Glarner Hinterland. Willi Gutmann selbst lebte bis zu seinem Tod 2013 im Kanton Zürich, wo er in Oberhasli, auch ländlich gelegen, ein grosses, selbst ausgebautes Scheunenatelier hatte. Hier fand seine überwältigende Kreativität und Schaffensfreude unter hohen Deckenbalken viel Raum. Nachdem auch seine Lebensgefährtin, die Künstlerin und Keramikerin Suzanne Monard, ein Jahr später starb, suchten die Erben der nachfolgenden Generation eine neue Lagerstätte für hunderte – winzige bis mannsgrosse – Plastiken, Bilder und  Entwürfe. Fündig wurden sie im Bodmer Areal der ehemaligen Bofil Textilfabrik in Rüti GL.

Wer, vielleicht gar von ausserhalb des Kantons Glarus via Autobahn-Ausfahrt Näfels, über den belebten Hauptort Glarus ins schliesslich immer dünner besiedelte südliche Glarnerland fährt, dem rücken die steilen Wände und felsigen Riesen, Tödi, Ortstock und Co, immer näher. Entrückt dagegen zeigen sich die vor Jahrzehnten erbleichten und nach und nach aufgegebenen Fabriken der frühen Textilindustrien aus dem 19. Jahrhundert entlang der Linth. Sie sind heute teils Brache, teils umgenutztes Gelände. Die stillen Hallen und Gänge strahlen trotz der oft angeschlagenen Bausubstanz und mancher Patina aus Staub und Schutt eine faszinierende Grandezza aus – und sie nehmen die Kunst als würdigen Gast auf. Hat man auf der Dorfstrasse von Rüti erst den kleinen Abzweig zum Schotterparkplatz beim Bodmer Areal im Tschächli gefunden, den Weg durch die alte hohe Holztür und zum Lastenaufzug, der einen ins Obergeschoss bringt, wo man aussteigt, ist man grad überwältigt: Im vom hellen Nachmittagslicht durchfluteten Flur leuchten einem zwei farbige Skulpturen der Collection Willi Gutmann entgegen. Neues Leben zwischen alten Wänden! So auch im Schaulager, das sich nebenan mit zwei weiteren Räumen öffnet. Leben? Ja, die Werke Gutmanns, teils in schweren Metallregalen oder am Boden aufgestellt, werden lebendig, sobald man sie betrachtet, berührt, ihnen zuhört. Das Licht spielt mit und in den metallenen Oberflächen und Strukturen – verschieden je nach Tageszeit und Wetter oder der Position der Betrachterin. Ein Objekt ist so nie das Gleiche. Und weil das Anfassen und Verschieben der beweglichen Teile (erwünscht und so konzipiert) eine unendliche Vielfalt von Formen erzeugen kann, ergeben sich nochmals mehr Variationen. Einige der Skulpturen können zudem in klingende Einzelteile zerlegt werden; sie nennen sich z.B. «Tonschlüssel» und können mit kleinen Schlegeln oder Fingerknöcheln zum Schwingen gebracht werden. Im besten Sinne entsteht eine Resonanz zwischen Mensch und Kunstwerk – und wenn sich mehrere Personen im Raum befinden, wie an den Tagen der Offenen Türe (zuletzt im September 2022), löst dies wiederum Resonanz, Kommunikation unter den Anwesenden aus.

Das Schaffen und Leben des Künstlers ist umfassend und gut dokumentiert, vor allem durch das 2015 im Kehrer Verlag erschienene Buch «Willi Gutmann. Form. Bewegung. Skulptur», es ist hochqualitativ und reich bebildert. Herausgeber war Axel Wendelberger, in Zusammenarbeit mit Pit Gutmann, Myriam Kunz und Daniel Kunz. Aktuelles findet man auf www.willigutmann.ch. Daher sei hier zur Biografie des Künstlers nur so viel mitgeteilt: In Dielsdorf aufgewachsen, lernte er erst Bau- und Möbelschreiner. Etliche Holzskulpturen zeugen vom kunstfertigen wie auch kreativen Umgang mit Holz. Es folgte ein Studium an der Kunstgewerbeschule Zürich. Ein Jahr nach seinem Abschluss 1949 eröffnete Gutmann ein Büro für Innenarchitektur und begann freischaffend als Bildhauer zu arbeiten. Schon damals gab es Arbeitsaufenthalte in London und Paris, später folgten Dänemark, Norwegen, Italien – auch Deutschland, Frankreich und Österreich. Ab 1965, nach einer viel beachteten Einzelausstellung in der Galerie am Platz in Eglisau (Kt. Zürich) nahm seine Karriere einen internationalen Aufschwung mit Aufträgen für Gross-Skulpturen in Übersee (USA; Mexiko, Japan).

Warum blieb hierzulande eine derartige Anerkennung aus – auch wenn Gutmann (spät, von 1997-2007) noch Lehrbeauftragter an der ETH Zürich wurde? «Er hatte seine eigenen Konzepte und Ideen. Das lag nicht immer auf der Linie der damaligen ‘Kunstszene’ in der Schweiz. Er unterwarf sich keinen Moden. Ausserdem kam er vom Handwerk, vom Holz, das machte ihn vielleicht ebenfalls etwas zum Aussenseiter», erklären mir zwei Kenner, die ich zwischen den Gestellen anspreche. Es sind Fans, die für ihr Heim und ihren Garten bereits dutzende Skulpturen des Künstlers erworben haben. Die zeitlose Arbeit Gutmanns, genau dies fasziniert sie. Auch die mit fast manischer Tüftelei und Perfektion erreichte Verwirklichung seiner Projekte. «Wenn er an etwas arbeitete, konnte er sich wochenlang, fast ohne Unterbrechung, verausgaben. Dann wieder ruhte er sich erschöpft zwei Wochen lang auf dem Sofa aus», erzählen Pit Gutmann und Daniel Kunz, die  zusammen mit Kunz’ Schwester Myriam den künstlerischen Nachlass betreuen.

Als 2017 das Schaulager eröffnete, wurde dies mit einer Performance bespielt – Pit Gutmann ist Schlagzeuger und musizierte auf den klingenden Skulpturen (wie schon zu Lebzeiten seines Vater an Scheunenatelier-Events) – nun in Rüti GL gemeinsam mit dem Glarner Roland Schiltknecht. Seither ist das Lager auf Anfrage zu besuchen, oder an Tagen der Offenen Tür. Die Unterhaltskosten sind im Glarner Hinterland zwar weniger hoch als anderswo; aber gleichwohl machen sich die Nachkommen Gedanken wie es weitergehen soll. Um die Lagermiete zu bezahlen, werden daher auch Werke aus dem Nachlass verkauft. Gutmanns Erben sind noch in anderen Berufen tätig und würden sein Werk gerne mehr bekannt machen. Dazu jedoch bräuchte es viel mehr Ressourcen und intensivere Kontakte in der Kunstszene. Könnte der Kanton Glarus dazu Hand bieten, und wenn ja wie? Gespräche mit Kunstschaffenden zeigen immer wieder, dass etliche sich gerne im Glarnerland niederlassen würden, es gäbe noch einigen Raum zu erschliessen: (Wohn-)Ateliers, Schaulager, vielleicht gemeinsam genutzte Infrastruktur und Organisations- und Kommunikationskanäle. Kunst-Zentrum Glarner Hinterland? Eine gewagte Vision? Ein Hotspot für Kunstliebhaber, die sich für spannendes und eben auch unkonventionelles Schaffen abseits des Mainstreams interessieren?

Durch die geöffneten Fenster – teils mit geborstenen Scheiben – im Gang des Fabrikgebäudes, weht der Wind in sanften Stössen, bewegt leicht die verschlissenen Gardinen. Draussen glänzt Sonnenschein auf grünen Wiesen und Berggipfeln. Gute Aussichten. Für die Kunst auch? – Ja, aber es bräuchte auch da ein paar frische Windstösse, um etwas zu bewegen. Bewegung – das war der Antrieb und das künstlerische Prinzip Gutmanns. Ihn möchte ich am Schluss sprechen lassen (Zitat 1967) «…Es entspricht meinem Wesen, dass die meisten meiner Plastiken ‘in Bewegung’ geraten: Immer nach neuen Erkenntnissen strebend, nie verharrend, aufbauend und ordnend, von der Basis zur Basis…» Der nächste Tag der Offenen Tür im Schaulager findet am 6. November (13-17 Uhr) statt.

www.willigutmann.ch

Kontakt für Besichtigung und Ankäufe 0041 56  288 33 10 (Pit Gutmann)

Text und Bilder (ausser Scan und schwarzweiss): Swantje Kammerecker

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Glarus
  • Ostschweiz
  • Zürich

Publiziert am

20.09.2022

Webcode

www.glarneragenda.ch/q3UKtN