abgesagtes Konzert 1
abgesagtes Konzert 1
abgesagtes Konzert 2
abgesagtes Konzert 2
abgesagtes Konzert 3
abgesagtes Konzert 3
Rückblick
Rückblick
Probe
Probe
Instrumente pausieren
Instrumente pausieren
im Erlensaal
im Erlensaal
mit dem Glarner Singverein
mit dem Glarner Singverein
mit Solist Flurin Cuonz
mit Solist Flurin Cuonz

Dies & Das

Ein Jahr ohne Orchesterkonzerte

Wohl noch nie in der neueren Geschichte des Glarner Kammerorchesters gab es ein Jahr ganz ohne Konzerte. 2020 mussten wir teils pausieren, teils in ungewohnter Weise proben. Zeit, zurück, aber auch in die Zukunft zu blicken.

Vorab: Das Glarner Kammerorchester war, nachdem ich mit der Familie 1999 vom westfälischen Ahaus nach Glarus zog, der erste, wichtigste Bezugspunkt, um hier im Glarnerland heimisch zu werden. Kein Jahr nach meinem Eintritt ins Viola-Register wurde ich bereits als Vorstandsmitglied gewählt, seit 2008 bin ich die Präsidentin des 1976 gegründeten Vereins. Allerdings reichen dessen Vorläufer schon über 150 Jahre zurück! Durchgehendend Bestand hat das Orchester seit 1888, welches damals noch den Namen „Frohsinn-Orchester“ trug und erst nur aus Männern bestand(!), während heute Frauen die Mehrheit bilden. Laien-Streicher aus verschiedenen Generationen und Berufen wirken hier zusammen, bei den grossen Konzerten verstärkt von Profis.

Krisen hat es natürlich immer wieder in der langen Geschichte des Orchesters gegeben, auch existentielle. In einer Jubiläumschrift von 2006, die ich damals schon mitgestalten durfte, fällt mir beim erneuten Durchblättern folgendes Zitat auf: „Unerwünschte längere Zwangspausen ergaben sich durch die Grippe-Epidemie 1918 und die Pocken 1921.“ Vor über hundert Jahren hatte man also ein ähnliches Proben wie im Corona-Jahr! Während meiner Zeit im Glarner Kammerorchester erlebte ich auch zweimal eine „ausserordentliche Lage“: 2008 verstarb unser damaliger Präsident Fridolin Müller unerwartet kurzfristig und der Vorstand musste sich schnell neu organisieren, auch das aktuelle Konzertprogramm stand erst auf der Kippe. Damals übernahm ich, schneller als mir lieb war, das Amt der Präsidentin erst ad interim, dann fix. Ende 2014 erlitt unser Dirigent Christoph Kobelt einen schweren gesundheitlichen Vorfall und musste von einem Tag auf den anderen seine Arbeit aufgeben. Ein langjähriger Dirigent ist nicht leicht zu ersetzen, aber auch da konnten wir mit der baldigen Neuwahl von Reto Cuonz zu einer guten Lösung kommen, er leitet das Orchester bis heute.

Zu meinen üblichen Tätigkeiten als Präsidentin gehört es zwischen Weihnachten und Neujahr bzw. Schulbeginn den Jahresbericht zur Hauptversammlung im Februar fertigzustellen; meistens empfinde ich beim Rückblick auf so viel schöne Musik und Begegnungen nochmals eine grosse Freude. 2019 war ein ausserordentlich gelungenes und erfolgreiches Jahr gewesen: Ein praktisch ausverkauftes, wunderbar gelungenes Sinfoniekonzert mit dem jungen Cellisten Flurin Cuonz als Solisten, dazu erstmals seit Jahrzehnten eine Orchesterreise zu einem auswärtigen Probenwochenende, auch mit einer öffentlichen Probe, welche das Publikum mit Begeisterung besuchte. Zwei Herbstkonzerte gemeinsam mit dem Glarner Singverein in Mollis und Linthal, dazu etliche Extra-Aufritte in kleineren Besetzungen in verschiedenen Gottesdiensten, an Festen und auch als Musikumrahmung in Kino Rosa-Luna… Heuer fühlt es sich eigenartig an, einmal keine Hauptversammlung vorzubereiten, denn diese wird in den Sommer verschoben. Ich wage trotzdem einen Rückblick…

Das Jahr 2020 startete sehr vielversprechend, mit Proben an zwei grossen Programmen: Am 26. Mai 2020 sollte das Konzert „Junge Glarner Musiktalente“ im Gemeindehaussaal Ennenda stattfinden, in dem wir begabte Schülersolist/-innen der Glarner Musikschule begleiten würden – ein Format, dass wir bereits 2011 und 2015 mit viel Freude und tollem Echo durchführten. Und an vier Abenden im November geplant war ein Jahrhundert-Ereignis, die Wieder-Aufführung der Glarner Oper „Fiorina, la fanciulla di Glaris“, organisiert von der Kulturgesellschaft Glarus, die dies als Leuchtturmprojekt anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens programmierte. Mit unserem Orchester, mit den zwei einheimischen Chören Glarner Kammerchor und Glarner Singverein, einer professionellen Regisseurin und Profi-Solisten, unter der Gesamtleitung unseres Dirigentin Reto Cuonz. Noch am 12. März 2020, kurz vor dem Lockdown, hatten wir eine grosse Fiorina-OK-Sitzung; niemand ahnte da wirklich, was alles (nicht) kommen sollte. Zum Wochenende hin verschärfte sich die Lage immer mehr, wir sagten die Proben bereits ab, bevor der Lockdown am 16.3. verkündet wurde.

Erst im Frühsommer ging es wieder los, mit ausgefeilten Schutzkonzepten, für die ich mich in viel Papierkran hineinkniete (die Vorlage war ein über 60-seitiges Doc vom Schweizerischen Orchester- und Bühnenverband). Der ganze Vorstand war viel beschäftigt mit den Neuplanungen, schwer zu beantwortenden Fragen (finanzielle Entschädigung „ausgeladener“ Zuzüger etc.) und der Kommunikation gegenüber Mitgliedern, Sponsoren usw. Die 2020 geplanten Konzertprojekte waren nicht mehr durchführbar unter Corona-Bedingungen, also stellten wir für den November ein Ersatz-Programm auf: Coronakonform ohne Bläser und Gesang, nur Streicher und eine Harfe als Solistin, mit zwei Aufführungen, damit sich das Publikum besser verteilt. Titel: „Wort und Musik - Lebensfreude teilen und weitergeben“. Auch die Möglichkeit eines Video-Stream klärten wir ab, sollte es die Situation erfordern. Hier nun ein kleines Corona-Proben-Tagebuch: 

8. Juni: Vorstandssitzung
, das neue Proben- und Schutzkonzept wird abgesegnet und der Vermieter unseres Probenlokals, die Gemeinde Glarus, bewilligt es. Wir bilden ein Hygiene-Team von 4 Personen, welche das „coronakonforme“ Aufstellen von Notenständern und Stühlen im Saal und die „Eingangskontrolle“ der eintreffenden Spielerinnen gewährleistet. Vor der ersten Probe erhalten alle Orchestermitglieder das Schutzkonzept zugestellt und müssen bestätigen, es gelesen und verstanden zu haben und auch umzusetzen.

15. und 22. Juni: Erste Proben, mit neuen Noten und neuer Sitzordnung. Statt gemeinsam zu zweit am Pult, hat nun jeder ein eigenes Pult mit einem Sicherheitsradius von zwei Metern. Pausen gibt es nur zum Lüften, nicht wie bisher zum Plausch an einem Snack-Tisch. Gespräche und Gruppenbildung im Saal sind zu unterlassen, die Präsidentin führt eine Anwesenheitsliste und schaut, dass die Hygiene-Regeln eingehalten werden. Die Vor- und Nachbereitung der Probe (anschliessend werden Tische und Türfallen noch desinfiziert) beansprucht etwa eine Dreiviertelstunde. Musikalisches Erlebnis: Glücksgefühle! Endlich kann man wieder zusammen spielen. Dirigent Reto Cuonz stellt fest, dass die weit im Raum verteilten Spieler/-innen dieses ungewohnte Setting mit einem Mehr als Konzentration und „gespitzten Ohren“ wettmachen.  

August: Nach den Sommerferien gehen die Proben weiter. Ende Monat hätte wieder ein auswärtiges Probenwochenende stattgefunden, das nun abgesagt werden muss – zahlen muss es die Orchesterkasse trotzdem! Statt des Probenwochenendes gibt es einen Probensamstag in Glarus, ein anschliessend im Freien geplanter Sozialanlass wird wegen Schlechtwetter abgesagt.

September: Die Konzertplanung für „Wort und Musik“ geht ins Detail. Raumbesichtigungen zeigen, dass der Platz auf der Bühne nicht überall genügt, um den nötigen Abstand zu halten. Der Orchestervorstand bestellt Schutzmasken in festlichem Weinrot.

Oktober: Konzertflyer sind gedruckt und versandt, Inserate aufgegeben. Am 19.10., dem ersten Probentermin nach den Herbstferien, wird zum ersten Mal mit Masken geprobt. Mir fällt das anfangs überraschend schwer, obwohl ich bei meiner Arbeit in der Arztpraxis jeden Tag viele Stunden Maske trage, was mich bisher nicht störte. Aber offenbar dämpft der Stoff vor dem Gesicht trotz „offener Ohren“ die Knochenleitung des Schalls im Gesicht – nun, man kann sich aber daran gewöhnen. Ein Highlight ist, dass unsere Solistin mit der Harfe zur Probe kommt und uns mit wunderschönen Klängen verzaubert. Zaghafte Vorfreude aufs Konzert breitet sich aus.

Ende Oktober/Anfang November: Eine neue COVID-Verordnung tritt in Kraft, die Konzerte müssen 3 Tage vorm Termin abgesagt werden! Auch eine Filmvariante ist nicht machbar, da wir ein Laienensemble sind, das nur mit maximal 15 Personen spielen darf und das ist mit dem Programm so nicht machbar. Eineinhalb Tage bin ich mit allen Abklärungen und Kommunikationsmassnahmen beschäftigt und falle anschliessend in ein tiefes Loch der Traurigkeit. Wir haben gekämpft bis zuletzt, genützt hat es nichts. Wie geht es weiter?   

Dezember: Wieder werden Programm und Probenpläne umgestellt, neue Räume gesucht, in denen wir geteilt in Gruppen von maximal 15 Spieler/-innen proben können, je geleitet von Dirigent und Konzertmeister. Neue Noten sind organisiert, um uns für einen Einsatz am Karfreitagsgottesdienst vorzubereiten. Die ausgefallenen Novemberkonzerte mit der Harfenistin Selina Cuonz hoffen wir im März nachholen zu können. So geht das Jahr ohne Konzert zu Ende.

Januar: Neue COVID-Verordnungen verunmöglichen die Weiterführung des gerade erst ersonnenen Proberegimes. Neuer Plan: Entsprechend der Obergrenze von 5 Personen könnten Proben in Quartett-bis Quintettbesetzung stattfinden. Konzertmeister Peter Ferndriger organisiert Räume und Gruppen per doodle. Fast alle Mitglieder möchten kommen. Aufführungen im März sind eher unwahrscheinlich. Das vom Mai 2020 zunächst auf Ende Februar 2021 verschobene Konzert „Junge Solisten“ wird nochmals verschoben, auf den 6. Juni 2021. Über lange Zeit haben sich die jungen Leute mit ihren Lehrpersonen darauf vorbereitet; wir wollen von unserer Seite alles tun, was möglich ist. Nebst dem Wegfall der Konzerterlebnisse drücken die finanziellen Belastungen der Vereinskasse. Unsere treuen Passivmitglieder, welche sich jeweils auf einen Rabatt an Konzerten freuen können, gehen auch leer aus. Das tut uns leid. Das Sozialleben des Orchesters, für viele ebenfalls nicht unwesentlich, ist deutlich eingeschränkt. Wir versuchen mit Mails und Telefon den Kontakt zu halten.

Ausblick: Vielleicht werden wir am Karfreitag in Quartett- oder Quintettformationen in der Kirche musizieren können, das wäre immerhin etwas. Es ist dann zwar keine Orchesterbesetzung. Aber vielleicht erwerben wir in diesen Kleinformationen neue Fertigkeiten, etwa wie grössere Selbstständigkeit in der eigenen Stimmführung, die übrigen Stimmen besser hören, das genaue Austarieren der Intonation oder des Klangcharakters. Dabei werden uns unser Dirigent und der Konzertmeister unterstützen und anleiten.

Noch erscheint die gross besetzte Oper Fiorina – mit zwischen 80 bis 100 Mitwirkenden – die nun neu auf den 19.- 22. Mai 2022 angesetzt ist, wie eine grössenwahnsinnige Vision, die in weiter Ferne liegt. Falls es klappt, wird das wie eine Auferstehung sein, ein rauschendes Fest der Musik!  

Swantje Kammerecker 

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Glarus

Publiziert am

14.01.2021

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