Pockenspital Näfels
Pockenspital Näfels
Bekanntmachung betr. Massnahmen zur Bekämpfung der Pocke-Epidemie
Bekanntmachung betr. Massnahmen zur Bekämpfung der Pocke-Epidemie
Armin Rusterholz, mit Publikum
Armin Rusterholz, mit Publikum

Nationale / internationale News

Die letzte Glarner Pockenepidemie 1921/22 mit Näfels als Zentrum

Vortrag von Armin Rusterholz am 28.2.2020 im Tolderhaus, Näfels

Im Tagebuch seines Grossvaters entdeckte der Referent Texte über die Pockenepidemie, welche im Winter 1921/1922 im Glarnerland für viel Aufregung gesorgt hatte. Neugierig geworden, sah sich Armin Rusterholz, der Autor zahlreicher Publikationen mit medizinischen Themen, weitere Quellen an: Protokolle, Zeitungsartikel, medizinische Berichte und nicht zuletzt Gemeinderechnungen.

Wir treffen uns am Abend desjenigen Tages im Tolderhaus, an dem der Bundesrat das Veranstaltungsverbot verhängte, welches die Durchführung von Anlässen mit über 1000 Teilnehmern untersagt, um die weitere Ausbreitung von Sars-CoV-2 zu verhindern.

„Gut, dass heute nicht so viele Leute gekommen sind“, meint schmunzelnd Gret Menzi vom Kulturforum Brandluft, die Veranstalterin. Die Stimmung ist freundlich und entspannt, im Saal jeder Platz besetzt, viele graue Köpfe. Bis der Vortrag beginnt, drehen sich die Gespräche natürlich um das Coronavirus. Es bestehen Parallelen, wie sich zeigen wird.

Im Kanton Glarus gab es in jenem Winter fast 400 Krankheitsfälle, die meisten davon in Näfels. Gestorben ist an den Pocken damals glücklicherweise niemand. Erkrankte wurden in ihren Häusern isoliert, die Häuser mit Plakaten gekennzeichnet. „Pocken!“ wurde gewarnt, oder „In diesem Hause befinden sich Blatternkranke.“

Die Pocken oder Blattern waren schon im 18. und 19. Jahrhundert immer wieder im Kanton zu Gast gewesen und hatten Todesopfer gefordert. Wer die Krankheit überlebte, war gezeichnet, „gmödelet“. Die Narben hatten die Form von fest umrissenen Vertiefungen, eben wie von einem Model, und es gab in allen Dörfern Leute mit der Krankheit im Übernamen, z.B. Blatteresepp, Blatterefrigg usw. Wer sich impfen liess, hatte eine einzige solche Vertiefung, meistens am linken Oberarm nahe der Schulter, bei meiner Mutter hatte das Impfmal einen Durchmesser von fast zwei Zentimetern und war glänzend weiss. Mein 8jähriges Ich bewunderte das masslos und wollte unbedingt auch so eins bekommen. Bekam aber keins, denn die Impfung wurde abgeschafft bevor ich das Impfalter erreicht hatte.

In Näfels wurden also im Dezember 1921 eilig vier Baracken aufgestellt, in denen Krankenstationen eingerichtet wurden. Die Kranken lebten nach Geschlechtern getrennt als „lustiges Völklein“ (Zeitungszitat) im Obererlen, ein Foto aus jener Zeit zeigt sie auf der Vortreppe lachend posieren, die Krankheit sieht man ihnen nicht an. Drinnen wurde gejasst, gestrickt, zusammengesessen und sich erholt. Der Doktor kam zweimal täglich, jeden dritten Tag wurde gebadet.

Indessen schrieben die Journalisten der drei Zeitungen gegeneinander an, es wurde die Meldepflicht eingeführt, Versammlungen verboten, den Verboten mit Unverständnis begegnet, es wollte der Kanton Graubünden keine Glarner am Andreas-Markt in Chur dulden, Expertenkommissionen setzten sich zusammen, man rief ein Impfobligatorium aus, das seinerseits Impfgegner auf den Plan rief, es wurden Häuser desinfiziert und die Bevölkerung bekam Informationen, amtliche und andere. Das alles dauerte gut zwei Monate bis es vorbei war. Dann waren die Pocken erfolgreich bekämpft, und sie sind nun schon seit vierzig Jahren ausgerottet.

Wie wird wohl die Geschichte des Corona-Virus weitergehen, die eben erst begonnen hat und die ganze Welt beschäftigt? Dies fragen sich selber alle Zuhörerinnen und Zuhörer, und einander fragen sie am Ende der Veranstaltung „meinsch, wämmer glich noch gu iicheerä, oder sött me lieber nüd?“

In seinem Buch „Tribe“ beschreibt Sebastian Junger, wie Katastrophen die Gemeinschaften zusammen schweissen weil sie die Menschen zwingen, einander beizustehen und mit vereinter Kraft die Notsituation zu überwinden. In diesen Tagen frage ich mich oft, ob eine Pandemie die richtige Art Katastrophe ist – und mich dünkt, sie war es damals nicht und kann es wohl auch heute nicht sein. Zusammenrücken ist ja gerade nicht das was hilft, wenn Ansteckungen vermieden werden sollen.

Dennoch werden wir alle die Gelegenheit erhalten, aus der schwierigen Situation Lehren zu ziehen, so wie es unsere Vorfahren vor fast 100 Jahren getan haben.

Gastbeitrag von Eva Gallati

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Kultur

Publiziert am

03.03.2020

Webcode

glarneragenda.ch/xsEXTX