Catherine Fritsche schreibt auf kulturzyt.ch
Catherine Fritsche schreibt auf kulturzyt.ch
Virtuelles Chorprojekt
Virtuelles Chorprojekt
Buchempfehlung
Buchempfehlung
Buchempfehlung
Buchempfehlung
Buchempfehlung
Buchempfehlung

Dies & Das

Corona, Kultur und die Macht des Unsichtbaren

Ein (Selbst-)Erfahrungsbericht aus den letzten Wochen ohne Kulturevents im Glarnerland.

Die Orchesterproben sind bis auf weiteres abgesagt, die Saisons der Kulturgesellschaft Glarus und des Vereins kulturzyt, wo ich im Vorstand bin, sind vorzeitig beendet. Doch die Aktivitäten hören nicht einfach auf und fangen irgendwie wieder an, es gibt viel Regelungsbedarf. Noch am 9.3. hatten wir Orchesterprobe, mit Desinfektionsmittel und Abstandhalten, am 12.3. war eine grosse OK-Sitzung zur Oper Fiorina, die ja im November stattfinden soll, mit drei Glarner musizierenden Vereinen und der 100-jährigen Kulturgesellschaft Glarus als Veranstalterin. Dann spitzt sich die Lage zu. Die Zeitung, bei der wir Inserate angemeldet hatten für die Kulturveranstaltungen, sollte jetzt erfahren, ob diese stattfinden, es ist aber noch nicht klar. Die Kirchgemeinde Glarus, mit der wir 27.3. den kulturzyt-Abend „Die Seele geht zu Fuss“ geplant hatten, sagt die gemeinsame Veranstaltung ab. Am Wochenende vor dem Lockdown hänge ich viel Telefon (natürlich auch bei der Hotline des Kantons und unserem Vorstand) um herauszufinden, ob oder allenfalls wie Orchesterproben stattfinden können. Erst heisst es, ja, aber ohne Leute in der Risikogruppe, dann kommen Musiker mit vulnerablen Familienangehörigen dazu; Anreisen im ÖV ist auch kritisch. Zu unwägbar: Am Sonntagabend schreibe ich also ans Orchester, dass wir vorerst nicht proben. Zugleich gebe ich zumindest Hinweise auf mögliche Szenarien, wie es weitergehen könnte. Ja, bitte übt zuhause weiter. Natürlich kommen Nachfragen, Telefonate mit Orchesterleuten; einige sagen, die Musik stärke doch das Immunsystem! Eine Kollegin, die einen Chor leitet, berichtet mir ähnliches.

Lockdown!

Von diesem Sonntag, dem Tag vor dem Lockdown, wird mir ein Bild bleiben: Ich telefoniere und telefoniere, während wir in den Wartezimmern der Praxis meines Mannes Möbel umstellen nach den Abstandsregeln und Schutzvorrichtungen montieren. Am nächsten Tag, Nachmittag vom 16.3., spricht der Bundesrat die Ausserordentliche Lage aus, Tage später wird der Lockdown verschärft.
Heute, Mittwoch 22.4., sind wir 5 Tage vor den ersten Lockerungen angekommen. Wie es wird, ist noch überhaupt nicht klar. Schon gar nicht im Kulturbetrieb. Vieles ist stehen- und liegengeblieben, nicht nur die Proben von Orchester und Streichquartett und die geplanten Kulturprogramme. Auch unser „Föhnsturm“-Buch, ein grosses Projekt über zwei Jahre - Erscheinung war geplant auf die Landsgemeinde - kommt später raus. Im August soll der Ersatztermin für die Vernissage sein, aber ob wir die dazu vorgesehene Ausstellung noch machen können, wissen wir nicht. Der Schreibtreff: auch ausgesetzt. Allerdings haben meine Kollegin und ich einen Schreib-Wettbewerb für Kids und Teens lanciert, zu dem Thema des letzten ausgefallenen Schreibtreffs im März: „Das Geheimnis zwischen den Buchdeckeln“ – läuft noch bis 5. Mai. Wer weiss, vielleicht wäre die Siegergeschichte etwas für diesen Kulturblog.

Was tun?

Lesen scheint überhaupt Trumpf in Corona-Zeiten, die Glarner Buchhandlungen liefern fleissig nach Hause, oft auch Buchgeschenke, welche sich die Menschen gegenseitig machen. „Für meine Enkel…“ zum Beispiel. Und es gibt einen virtuellen Ersatz zu den Erzählstunden für die junge Generation, welche wir nun nicht durchführen können: Auf der Website der kulturzyt und auf dem Youtube Channel von lesestoff.ch findet man den Link. Die Glarner Mundarterzählerin Beatrix Künzli hat mehrere Geschichten und Märli als Video eingespielt. Auch Kinderbuchautoren präsentieren Filmchen mit Lesungen. (https://www.youtube.com/channel/UC4hhCd134HSeLnZIQsl8zSw).Nicht das Gleiche wie live, sicher, aber doch eine schöne Sache. Bei der kulturzyt haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir trotz der nicht stattfindenden Events März-Juni etwas anbieten können:

Wir haben die Protagonisten der Events gebeten, einen Beitrag zu ihrem Thema für unsere Website zu verfassen, (www.kulturyzt.ch). Gerade ist der erste erschienen: Catherine Fritsche, Musiktherapeutin in Glarus, hätte am 27.3. zusammen mit Pfarrer Peter Hofmann einen Abend mit Musik, Bildern und Texten zum Thema Pilgern gestaltet. Er war fertig vorbereitet. Auf unsere Bitte hin hat Catherine Fritsche einen ihrer eigenen Texte daraus erweitert und angepasst zum Thema „Pilgern in Zeiten von Corona“. Er zeigt, wie eine kleine Holzflöte, die vorher hinter Cello und Querflöte zustehen musste, zum Zeichen der Hoffnung wird.  Die Autorin: schreibt: „Ich übe mich in Suffizienz“. Ein Wort, noch nicht allzu bekannt, uns aber in diesen Zeiten mehr prägt und herausfordert, als uns bewusst ist?

Suffizienz...

Fremdwörter können unnahbar sein. „Übersetze Suffizienz mit Genügsamkeit“, antwortet mir die Musiktherapeutin auf meine Nachfrage. Natürlich bin ich jetzt aber neugierig auf die Definitionen. „Hinlänglichkeit“ erläutert der Duden. Wikipedia unterscheidet die Suffizienz in der Medizin, in der Politik, Suffizienz in der Statistik (Aussagekraft) und die Energiesuffizienz. Suffizienz bezeichnet auch eine Strategie für nachhaltigen Konsum von Ressourcen. Kommt uns das bekannt vor?? Gerade wurde ein überhitztes, überdrehtes Weltwirtschaftssystem in die Zwangspause versetzt und taumelt bereits. In seiner Rede anlässlich zur Corona-Krise im Deutschen Bundestag stellte Bundesminister Peter Altmaier das bisherige Credo „höher, schneller, weiter“ infrage – zu lange habe sich die Nation unverwundbar geglaubt. Das geht nicht wohl nicht nur den Deutschen so. Auch wir entdecken unsere Verwundbarkeit, aber vielleicht auch die Dankbarkeit für das, was wir (immer noch) haben. So sagte eine Kollegin: „Wir waren uns so ein strenges Arbeitsleben gewöhnt, deshalb meinten wir, die wenige Freizeit immer schon mit etwas ganz Besonderem füllen zu müssen, zum Beispiel mit tollen Reisen. Jetzt bleiben wir Zuhause – sind viel zuhause. Und der kleine Sitzplatz ist so schön wie nie.“ Eine andere, aus Indien von einem Sozialeinsatz vorzeitig heimgekehrte Glarnerin (Bettina Mazzolini Mbenda mit Tochter Scarlett, im TV Südostschweiz am 21.4): „Als ich nach einer regelrechten Odyssee in der Schweiz eintraf, wunderte ich mich wie geordnet hier alles ablief. Gegenüber Indien geradezu eine erstaunliche Freiheit und Normalität. Trotzdem hörte ich Leute reklamierten, was alles nicht ginge.“ Leiden wir Mangel? Vermissen wir Dinge? Welche? Und welchen Stellenwert hat ein Mangel? Wichtige Fragen.

Ich erinnere mich an den Philosophen Wilhelm Schmid, der auch einmal in der Landesbibliothek Glarus referierte. Sein Credo: Die Fülle des Lebens beinhaltet nicht, dass gewisse uns wichtige Dinge (und natürlich auch das Wohlfühlglück) immer verfügbar seien, sondern zeige sich als atmendes Geschehen, als dynamische Spannung von Weniger und Mehr. Schmid, der auch kranke und sterbende Menschen im Spital begleitet und viele Sinn-Gespräche geführt hat, weiss: Nicht immer lassen sich äussere Bedingungen ändern, aber unsere Betrachtungsweise, unser Umgang mit Situationen sehr wohl. Dabei gehe es aber nicht einfach um Verzicht und dass man sich eben selbst Härte abverlange, sondern um eine bewusste Selbstsorge: Was brauche ich, damit Genüge getan ist – manchmal einfach nur für hier und heute? Und auch die Sehnsucht darf gepflegt werden: Es wird eine andere Zeit kommen. Wir werden uns wieder treffen, wieder gemeinsam essen und lachen. Wie wird sich das anfühlen? Und Erinnerungen; reisen ist uns versagt im Moment, aber nicht, sich anhand von alten Urlaubsbildern schöne Momente wachzurufen. Sowie man sich nach dem Fasten auf ein gutes Essen und ein kleines Gläschen Wein freut, freue ich mich auf den nächsten Haarschnitt, oder darauf, meine neuen Konzertschuhe das erste Mal zu tragen.

Zu Ostern habe ich mir die Gottesdienste meiner Gemeinde auf Videos gegönnt. Dankbar, dass wir letztes Jahr noch die Konfirmation meines Gottenmeitli erleben durften. Die diesjährigen müssen warten…   Zeit für Freizeitbeschäftigung bleibt mir weniger Zeit als ich dachte – ich habe trotz Lockdown genug Arbeit, vieles ist auch komplizierter ohne Sitzungen, ohne direkten Kontakt. Dennoch habe ich mir, auf Anraten eines SPIEGEL Artikels den 900-seitigen „Schinken“ Decamerone von Boccaccio bestellt – Geschichten erzählen in Pestzeiten, ein Klassiker wurde der Welt geschenkt. Musizieren in Gruppen ist nicht möglich zurzeit. Aber da sind die Solo-Sonaten von Telemann für Violine, die habe ich zuletzt gespielt in der – ebenfalls einschränkenden – Kleinkinderzeit der Töchter. Und ich lese, der CHORONA-Chor unter Leitung von Mi-Helen Müller-Trautmann gleist einen Online-Kanon auf. Tolle Idee. Jede/r kann mitmachen, der das zu üben bereit ist. Und die isolierten Altersheimbewohner vom Bühli im Lihn freuten sich am Wochenende über ein Ständchen des Arztes Pietro L’Abate, des Musikers Heiri Trümpy und Helena Golling als Gesangsbegleitung. „Ich habe ihr Lächeln an den Fenstern gesehen!“ Das führt mich zum abschliessenden Gedanken…     

... und Resonanz!

Resonanz, schon wieder ein Fremdwort! Und doch recht bekannt: Im Grunde ein physikalisches Phänomen – Verstärkung von Schwingungen: Der Resonanzkörper eines Instruments (und auch der menschliche bei der Stimme) lassen es klingen. Doch Resonanz hat auch eine Bedeutung in der menschlichen Kommunikation, sie bedeutet lebendigen Austausch. Das bleibt uns auch in der Corona-Krise nicht verwehrt. Wir können Briefe schreiben, skypen, für andere einkaufen, spenden, singen oder eine Maske nähen. Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa hat ein ziemlich dickes Buch zu „Resonanz“ geschrieben, er fordert darin nichts Geringeres als einen grossen Gesellschaftswandel. Credo: Das Leben kann nur dann gelingen, wenn wir unsere Umwelt wahrnehmen, wenn wir bereit sind, Resonanzbeziehungen einzugehen - damit aber auf einen Teil unserer Autonomie zu verzichten. In diesem Zustand versuche der Mensch nicht, die Dinge zu kontrollieren und effizient zu erledigen, sondern er „lässt sich viel stärker von Begegnungen, von Orten, von  Musik inspirieren – die Grundlage eins jeden schöpferischen, kreativen Prozesses und somit eines gelingenden Lebens“ (Patrick Wienecke auf www.zukunftsinstitut.de/artikel/resonanz-der-schluessel-zur-welt/). Das 2016 bei Suhrkamp erschienene Buch von Hartmut Rosa hat 815 Seiten, keine leichte Kost. Das wäre das zweite Projekt nach Dekameron!

Aber nochmals zurück zu den beschriebenen „kreativen“ Prozessen – ist denn das etwas für jeden, oder sind da mal nur wieder künstlerisch veranlagte Menschen gemeint? Nein, eben gerade nicht! Sagt nicht nur Joseph Beuys („Jeder Mensch ist ein Künstler“) ,sondern auch ein Buch, das mir gerade beim dritten Mal lesen wieder Aha-Erlebnisse beschert: „Denken wie ein Künstler“ (Will Gompertz, Dumont): Praktisches Paperback, deutlich weniger Seiten als Rosa und Boccaccio und dazu noch mit vielen  guten Illustrationen. In elf knackigen Kapiteln beschreibt der Kulturvermittler, wie es geht. „Unsere Fantasie zu nutzen, belebt und bereichert unseren Geist und unsere Erfahrungen. Wir leben erst dann unser Potenzial aus, wenn wir unser Gehirn einsetzen – wenn wir denken. Ich habe noch nie einen Künstler irgendwelcher Art getroffen, der gleichgültig oder uninteressiert wäre. Das Gleiche gilt für erfolgreiche Köchinnen, Gärtner oder Sporttrainer; eigentlich für alle, die mit Schwung und Willen zur Erneuerung an ihr Thema herangehen. Das Leuchten in ihren Augen strahlt eine geradezu greifbare Lebenskraft aus. Kreativ zu sein, hat diese Wirkung.“ Wenn das nicht Hoffnung weckt!

„Wo ist das Virus?? Wir sehen es nicht!“ Dass so etwas Kleines, eben für uns Unsichtbares die Welt dermassen auf dem Kopf stellen kann, will vielen Menschen nicht in den Kopf. Und, ja, wer nicht direkt an der Berufsfront oder durch eigene Betroffenheit mit dem Virus konfrontiert ist, sieht seine Wirkung allerhöchstens indirekt. Doch diese Macht des Unsichtbaren – ist real. Eben genauso real wie die oben beschriebene Resonanz (unsichtbare Schwingungen!), oder die elektronischen Entladungen eines Gehirns, das sich kreativ betätigt. Vielleicht genügt es – im Sinne der Suffizienz – heute eine kleine Resonanzerfahrung zu wagen oder einen neuen Gedanken Raum zu geben.

22. April Swantje Kammerecker      

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Glarus
  • Ostschweiz

Publiziert am

22.04.2020

Webcode

glarneragenda.ch/BsH1vy