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Elisabeth
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Begegnung mit Zeitzeugin der Nazi- und Nachkriegszeit

In Glarus liest die 1934 geborene, in Wien aufgewachsene Elisabeth Häubi-Adler am 16. Februar aus ihrer bewegenden Biografie: Als Halbjüdin und Stieftochter eines SS-Schergen überlebte sie unter widrigsten Umständen.

Die Mutter von Elisabeth Häubi-Adler war in Mollis GL, wo sie fast 50 Jahre lebte, als „die Wienerin“ bekannt und beliebt; sie hatte in dritter Ehe Hermann Zingg, einen Erben der Glarner Textindustrie geheiratet. Wie viele ihrer Mitmenschen hatten wohl aber gewusst, was sie und ihre Familie in der ersten Hälfte ihres Lebens durchmachten? Nach dem Tod von Mutter Maria wurde für Tochter Elisabeth – da war diese auch schon betagt – plötzlich die Vergangenheit präsent, es kam zu einem Buchprojekt: Ende 2017 erschien im Schweizer Elfundzehn Verlag die Biografie über ihre bewegten und bewegenden Jugendjahre. Bereits der Titel „Brave Mädchen fragen nicht“ lässt erahnen, dass die kleine Lisel ein unrühmliches Kapitel der europäischen Geschichte erlebt haben musste. Im von den Nazis regierten Wien waren, wie im übrigen Deutschen Reich, Fragen und offenes Reden lebensgefährlich; hingegen Propaganda und Indoktrinierung, Denunziation und Spionage Alltag.


  


Wer die Geschichte aus erster Hand bzw. aus dem Mund der Zeitzeugin hören möchte, sollte es nicht verpassen, sich am 16. Februar um 20 Uhr in der Glarner Buchhandlung Baeschlin einzufinden. Häubi-Adler, Jahrgang 1934, ist eine beeindruckende Persönlichkeit, hellwach und kritisch nach wie vor; sie hat sich trotz oder durch alles Erlebte hindurch den Lebensmut und eine tiefe Menschlichkeit bewahrt. Die ersten Lesungen mit ihrem Buch hat sie bereits absolviert, weitere sind in Planung. „Das Verborgene aufzuarbeiten hat mich befreit“, so ihr Fazit.


In Wien wurde sie als Tochter einer katholischen Arbeiterin und eines jüdischen Akademikers geboren, der ein Jahr nach ihrer Geburt starb, „wahrscheinlich eine Gnade, wenn man weiss, was mit den Juden geschah.“ Dank der zweiten Ehe ihrer Mutter mit einem SS-Offizier wird die kleine Lisel vor weiterer Verfolgung bewahrt. Doch ihr Stiefvater wird zur Strafe für die Heirat mit einer „Judenwitwe“ zuerst zum KZ-Dienst nach Auschwitz, dann in ein Strafbataillon an der Ostfront abkommandiert.


 


 


Mit der Mutter auf der Flucht vor den Nazis, später versteckt vor den plündernden und Rache nehmenden Frontsoldaten der in Wien einmarschierenden siegreichen Roten Armee, überlebt sie den Zusammenbruch des Krieges. Als Schulkind leidet sie unter der grossen Hungersnot und Kälte im zerbombten Wien. Bis sie das Glück hat, mit einem Rotkreuz-Transport in die sichere Schweiz zu kommen. Dort wird sie von einer liebevollen Gastfamilie aufgepäppelt und erhält die Möglichkeit, hier später eine Ausbildung zur Krankenschwester zu absolvieren. Sie bleibt in der Schweiz, heiratet dort und bekommt zwei Kinder. Später engagiert sie sich in vielen Bereichen, unter anderem gründet sie eine beliebte Puppenbühne. Heute lebt Elisabeth Häubi-Adler, eine der letzten Zeitzeuginnen dieser Epoche, in Lostorf SO. Text: Swantje Kammerecker Bilder: zvg.

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Glarus
  • Ostschweiz
  • Stadt Solothurn

Publiziert am

08.02.2018

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glarneragenda.ch/8ViZkG